Kapitel 24

Ich finde Kolev auf der Veranda. Er hockt auf der untersten Stufe und hält sich den Kopf. Er blutet aus einer Wunde am Mund.

«Er hat mich niedergeschlagen,» sagt er, wischt sich über den Mund und betrachtet das Blut auf seinen Fingern. «Er hat mich einfach niedergeschlagen.»

Ich helfe ihm auf. «Kommen Sie,» fahre ich ihn an.

Das ist jetzt nicht der Augenblick und keinesfalls der Ort, zum Wundenlecken. Im Gebäude ist es zwar still, aber es wird nicht lange dauern, bis Bronsky uns folgt.

Während ich Kolev aufhelfe, hole ich den Wagenschlüssel aus meiner Jackentasche und drücke den Knopf zum Entriegeln der Tür. Vom Volvo neben Kolevs Kleinwagen ist das charakteristische Klacken der Türverriegelung zu hören.

«Woher haben Sie den?»

«Das erzähle ich ihnen später. Wir haben jetzt keine Zeit.»

«Haben Sie etwas herausgefunden?»

«Nicht jetzt. Wir müssen erst hier weg.»

Kolev nickt und ich bugsiere ihn zu seinem Wagen.

«Fahren Sie voraus. Ich komme hinterher.»

Kolev, der langsam wieder zu Sinnen kommt, steigt widerstandslos ein und startet seinen Wagen.

«Ich fahre ein Stück vor und warte,» sagt er. «Falls der Volvo nicht anspringt.»

Ich habe gar nicht darüber nachgedacht, dass Westhoffs Wagen vielleicht nicht anspringen könnte und bin dankbar für seine Voraussicht.

Kolev steuert zurück auf den Weg und bleibt wenige Meter von mir entfernt stehen. Ich öffne die Tür zum Volvo und steige ein. Stecke den Zündschlüssel ins Schloss und starte den Motor. Er springt sofort an. Automatik. Fieberhaft versuche ich, mir ins Gedächtnis zu rufen, wie ich schalten muss, bis mir einfällt, dass ich gar nicht schalten muss, sondern lediglich den Wahlhebel verstellen.

‹R› wie Rückwärts. Ich gebe Gas und der Kombi macht einen Satz nach hinten, so dass ich panisch auf die Bremse trete. Natürlich mit dem falschen Fuß, dem linken. Niemals mit dem linken Fuß einen Automatik bremsen. Wie oft hat mein Adoptivvater mir das eingebläut.

Der Wagen schleudert halb um die eigene Achse und bleibt so ruckartig stehen, dass ich mit dem Oberkörper gegen das Lenkrad pralle.

Kolev ist bereits losgefahren und donnert über den Feldweg zur Straße. Der Motor des Volvos grummelt leise vor sich hin. Ich schalte auf ‹D› und trete vorsichtig, aber kräftig auf das Gaspedal. Im Rückspiegel sehe ich, wie Bronsky mit geballter Faust die Veranda betritt.

Wird er uns folgen? Wie sollte er? Da ist kein weiteres Auto. Vielleicht mit dem Motorrad, wenn es fahrtüchtig ist? Doch der Mann macht keine Anstalten. Er steht mit herabhängenden Armen auf der Veranda und blickt uns hinterher. Dann passiert etwas Seltsames. Erst denke ich, dass Bronsky die Faust hebt und sie drohend schüttelt, doch dann erkenne ich, dass er winkt. Theo Bronsky winkt uns wie zum Abschied.

Als wir die Straße erreichen, biegt Kolev in die entgegengesetzte Richtung ab, statt zum Hotel zurückzukehren. Er beschleunigt, als wäre der Teufel hinter ihm her. Hat er denn nicht bemerkt, dass von Bronsky keine Gefahr mehr droht?

Ich folge ihm. Warum rast er? Ich kann kaum Anschluss halten. Von Bronsky droht doch keine Gefahr mehr?

Vor uns taucht ein Waldgebiet auf. Ein dichter Mischwald, fast wie ein Urwald. Die urwüchsige Wildheit bemerke ich nur aus den Augenwinkeln, da Kolevs wahnsinniger Fahrstil mich zwingt, mich auf die Straße zu konzentrieren.

Wenn er nicht gleich langsamer fährt, dann kann er mich mal. Ich habe auf die waghalsige Geschwindigkeit keine Lust. Was ist nur los mit dem Typen? Ich nehme den Fuß vom Gas und verringere die Geschwindigkeit. Nach wenigen Sekunden ist der Wagen des Bloggers aus meinem Blickfeld verschwunden. Er wird schon merken, dass ich nicht mehr hinter ihm bin und umkehren oder warten.

In diesem Augenblick geht ein Ruck durch den Wagen, als wäre ich über ein Hindernis gefahren. Der Motor ist ausgegangen und springt nicht wieder an. Ich spüre den Widerstand der Motorbremse. Der Automatikhebel steht weiterhin auf ‹D›, für Drive, doch der Motor bleibt tot. Der Wagen lässt sich nur schwer lenken, da auch die Servolenkung ausgefallen ist. Das hat mir noch gefehlt.

Ich schalte um auf ‹N› für den Leerlauf und lenke den Wagen zum Fahrbahnrand, wo ich ihn auf einem unebenen Grünstreifen vor dem Wald zum Stehen bringe.

Ich betätige mehrere Male die Zündung. Nichts. Der Motor springt nicht mehr an. Endstation.

Wie lange kann es dauern, bis Kolev auffällt, dass ich nicht mehr hinter ihm bin? Wo will er überhaupt hin?

In die Stille, die das Wageninnere mit einem Mal ausfüllt, sickert die Erinnerung an die alte Frau.

Ich kenne deinen Namen, ich habe dich erwartet, Kosra Borg.
Ich kenne doch deine Stimme, Kind.

Ihre Worte klingen scheußlich in meiner Erinnerung. Dabei sind sie nur der Verwirrung der alten Frau geschuldet. Trotzdem hasse ich sie mit einem Mal. Hasse sie dafür, dass sie mir keine Antworten geben konnte. Die Rätsel sind nicht weniger geworden.

Mit dem Hass vermischt sich ein anderes Gefühl, das mir an diesem Ort schon zu oft begegnet ist.

Verzweiflung.

Unaufhaltsam kehrt sie zurück. Mir bricht der Schweiß aus und Tränen füllen meine Augen. Was soll ich nur tun?

Statt loszuheulen, strecke ich mich und wische mir die Tränen aus den Augen. Dann fahre ich mir mit der Hand durchs Haar. Ich bin verschwitzt und könnte eine Dusche gebrauchen, dabei habe ich erst vor kurzem geduscht. Es sind erst wenige Stunden vergangen, seit ich an diesem schauderhaften Ort aufgewacht bin, aber es fühlt sich an, als würde ich seit Tagen durch diesen Albtraum irren. Ich will fort von hier, die ganze Sache der Polizei überlassen. Wenn dieses verdammte Auto nur anspringen würde, würde ich ohne zu zögern von hier verschwinden. Ich habe zwar keine Ahnung, in welche Richtung ich fahren muss, aber letztlich ist die Richtung egal, nur weg von hier.

Das Navi! Ich tippe auf den Bildschirm in der Konsole. Nichts. Er bleibt schwarz. Dann fällt mir ein, dass er wahrscheinlich erst aktiviert wird, wenn ich den Zündschlüssel betätige. Der Motor springt zwar immer noch nicht an, aber die Instrumente erwachen zum Leben und auch das Navi leuchtet auf. Während die Software hochfährt, schaue ich mich im Wagen um und mein Blick fällt auf das psychiatrische Fachbuch auf der Rückbank.

Basissymptome und Endphänomene der Schizophrenie

Keine große Hilfe. Ich bin nicht verrückt und ich lasse mir das auch nicht einreden.

Mit einer kurzen Klangfolge signalisiert das Navi, dass es einsatzbereit ist.

Route eingeben oder gespeicherte Ziele auswählen.

Ich wähle den Eintrag mit den gespeicherten Zielen. Mal sehen, wo Nadia Westhoff so alles unterwegs war. Vielleicht hilft mir das weiter.

Die Liste umfasst drei Routen, wobei die ersten beiden mit ‹Home› und ‹Praxis› betitelt sind.

Ich wähle ‹Home›. Mal sehen, wo du herkommst, Nadia Westhoff.

Eine Adresse fünfhundertachtzig Kilometer entfernt erscheint. Eines der vielen Freiburgs dieses Landes, jedenfalls nicht die berühmte Universitätsstadt. Die Praxisadresse ist nur wenige Kilometer von ihrem Zuhause entfernt.

Die dritte Route ist einfach mit ‹Die Andere› betitelt. Komische Bezeichnung. Ich öffne die hinterlegte Adresse.

Ich schließe die Augen, aber es ist zu spät. Schon der eine Blick zerfetzt etwas in mir, nicht weit von der Stelle, wo Radovics‘ Messer in meine Brust drang.

Es ist meine Adresse. Die Adresse von Rechtsanwältin Kosra Borg.

Die Andere.

Ich schlage mit den Fäusten auf das Lenkrad, bis meine Hände schmerzen.

Wie kommst du dazu, dich in mein Leben einzumischen, Nadia Westhoff? Ich bin so verdammt wütend auf die Frau. Sie ist schuld, dass ich in diesen Albtraum geraten bin. Sie ist einfach in mein Leben geplatzt und hat mich in den Strudel dieser Ereignisse gezogen. Wie konnte sie nur? Was habe ich ihr getan? Wenn ich könnte, würde ich sie packen und schütteln. Warum hast du mir das angetan? Aber sie ist verschwunden. Hat sich aus dem Staub gemacht und mich in diesem Wahnsinn zurückgelassen. Sofort packt mich das schlechte Gewissen. Wie kann ich nur so denken? Nadia Westhoff hat sich nicht aus dem Staub gemacht, sie wurde überwältigt, so wie ich und verschleppt. Wer weiß, ob sie noch am Leben ist und wenn doch, welchen Qualen sie ausgesetzt ist? Ihre Peiniger wollen die Identität und den Aufenthaltsort ihres Patienten erfragen. Ich will mir gar nicht vorstellen, zu welchen Mitteln sie greifen, um Nadia Westhoff zum Reden zu bringen. Womöglich wird sie gefoltert und ich habe nichts Besseres zu tun, als ihr Vorwürfe zu machen. Und schon ist da wieder dieses Gefühl von Verantwortung. Ich darf sie nicht im Stich lassen, selbst wenn ich ein Hühnchen mit ihr zu rupfen habe. Ich kann mich nicht davonstehlen und sie allein und hilflos zurücklassen.

Die Andere.

Wie meint sie das? Wieder bin ich dem Trommelfeuer meiner Gedanken ausgesetzt. Immer wenn ich glaube, auf Antworten zu stoßen, tun sich neue Fragen auf.

Die Andere? Ich bin keine ‹Andere›. Ich bin Kosra Borg. Nadia Westhoff ist ‹die Andere›. Die Frau, die sich in mein Leben gedrängt und es auf den Kopf gestellt hat. Was will sie von mir? Woher hat sie meine Adresse. Was verbindet uns?

Aus lauter Verzweiflung drehe ich erneut am Zündschlüssel. Nichts. Der Motor bleibt tot. Verdammt, wo steckt Kolev?

Erschöpft sinke ich zurück in den Sitz. Mit Zeige und Mittelfinger öffne ich die Fahrertür. Ich brauche frische Luft. Ich ersticke sonst noch.

Halt. Das Handschuhfach!

Die Tür gleitet zurück ins Schloss. Habe ich nicht schon genug verwirrende Informationen erhalten? Soll ich wirklich in das Handschuhfach schauen?

Als ich das Handschuhfach öffne, purzelt ein Wust an Papieren hervor und landet auf dem Beifahrersitz und im Fußraum. Die Dokumente waren in das Handschuhfach hineingepresst worden, wie in großer Hektik. Jedenfalls passt dieses heillose Chaos gar nicht zu der Nadia Westhoff, wie ich sie mir vorstelle. Einige der Papiere sind zusammengerollt, andere gefaltet und zusammengeknüllt, als habe Westhoff sie wegwerfen wollen, und war nicht mehr dazu gekommen.

Ich nehme eine Rolle mit mehreren Blättern auf. Es handelt sich um Fotokopien von Zeitungsartikeln, wie sie auch im Hotelzimmer verstreut lagen. Nur, dass es sich diesmal um psychiatrische Fachartikel handelt und soweit ich das beurteilen kann, überwiegend dem Thema Schizophrenie gewidmet sind. Die meisten beschäftigen sich mit etwas, das als ‹dissoziative Störung› in den Überschriften und Einleitungen bezeichnet wird. Unter einem Packen gefalteter Fotokopien sind wieder Artikel, die sich mit Totenbruck und den Umtrieben der Sekte beschäftigen. Ich lege diese rasch zur Seite. Dazu fehlt mir im Moment der Nerv. Ich habe davon schon genug gehört. Ich verspüre keine Lust, mich mutterseelenallein auf der Landstraße mit dieser obskuren kindermordenden Sekte zu beschäftigen.

Die Unterlagen bringen mich ohnehin nicht weiter. Wieder nichts, was ich nicht schon wusste. Ich beuge mich vor, um die Papiere, die im Fußraum gelandet sind aufzuheben. Dabei fällt mir ein Papierknäuel auf, das so fest zusammengepresst ist, dass ich es im ersten Augenblick für einen Tennisball halte. Vorsichtig falte ich es auseinander.

Es handelt sich um ein einzelnes Blatt. Wahrscheinlich Teil eines Arztberichts oder einer Patientenakte. In der Kopfzeile lese ich ‹Seite 2›. Der Textteil in der nächsten Zeile, wahrscheinlich der Name des Patienten, ist so heftig mit einem Kugelschreiber ausgestrichen worden, dass sich ein Loch an der Stelle befindet.

Diagnosen:

Akute polymorphe psychotische Störung mit Symptomen einer Schizophrenie D.D. paranoide Schizophrenie.

Aufnahmeanlass:

Pat. kam nach telefonischer Voranmeldung durch Pflegevater. Dieser berichtete, dass Pat. akut psychotisch sei, es musste die Polizei zu Hilfe gerufen werden. Pat. brauche stationäre Behandlung, sei eine Gefahr für sich und andere. Pat. berichtet, dass Pflegevater unwissend und verbohrt sei, daher sei es zu einem lautstarken Streit gekommen in dessen Verlauf der Pflegevater Angst bekommen und die Polizei gerufen habe. Pat. trägt vor, in Verbindung mit einem außerirdischen Gott zu stehen, den Pat. als Gyamlarhotep bezeichnet. Pat. sei das auserwählte Opfer für diese Gottheit und nur durch das unselige Eingreifen eines Polizisten an dieser Bestimmung gehindert worden. Im Aufnahmegespräch war Pat. weitschweifig, redet durcheinander, ist sprunghaft.

Psychiatrische Anamnese:

Verschiedene Vorbehandlungen und Aufenthalte in unterschiedlichen Einrichtungen. Zu den Einzelheiten bitte Anlage 7 beachten.

Biographische Anamnese:

Wohnt bei Pflegevater. Vater verstorben, Mutter unbekannten Aufenthalts.

Somatische und vegetative Anamnese:

Keine Angabe von körperlichen Erkrankungen. Mictio und Stuhlgang unauffällig. Appetit normal. Schlaf mit Ein- und Durchschlafstörungen. Keine Allergien bekannt.

Psychischer Befund:

Äußere Erscheinung gepflegt, im Kontakt redebedürftig, abweisend, in der Vigilanz wach, Orientierung unscharf, Konzentration fahrig, Auffassungsgabe erschwert. Intelligenz und Gedächtnis aktuell schwer zu beurteilen. Im formalen Denken vorbeiredend, weitschweifig, zerfahren. Im inhaltlichen Denken Wahngedanken, sei mit außerirdischer Gottheit in Verbindung und dieser versprochen, dieses Opfer sei unlösbar und müsse vollzogen werden, daraus suizidales Verlangen unter der Voraussetzung einer Tötung durch Anhänger eines imaginierten Kultes. In der Wahrnehmung v.a. akustische und visuelle Halluzinationen. Ich-Störungen ohne Fremdbeeinflussungserleben. Keine Krankheitseinsicht, Absprachefähigkeit aktuell unklar.

Körperlicher Befund:

Internistisch orientierend unauffällig.

Neurologischer Befund:

Orientierend unauffällig.

Labor:

Siehe Anlage 5

Beurteilung und bisheriger Verlauf:

Pat. kam wegen einer seit längerem sich entwickelnden psychotischen Symptomatik aus dem schizophrenen Formenkreis zur stationären Aufnahme. Bereits seit längerem hatten Prodromalsymptome wie Unruhe, vermehrte Reizoffenheit und Irritierbarkeit sowie Schlafstörungen bestanden. Pat.

Die Seite ist zu Ende. Ich drehe das Blatt um. Nichts. Nur diese eine Seite.

Ich begreife sofort: Das ist ein Bericht über Westhoffs Patient. Daran kann es keinen Zweifel geben.

‹Gyamlarhotep›. Von alleine wäre mir dieser bescheuerte Name nicht wieder eingefallen, aber ich erkenne ihn sofort, als ich ihn lese.

Nur, weshalb hat sie das Blatt zusammengeknüllt, als wollte sie es wegwerfen? Und warum ist der Name des Patienten ausgestrichen?

Dann verstehe ich. Westhoff muss gewusst haben, dass die Sekte hinter ihr her ist und wahrscheinlich hatte sie keine Gelegenheit, sich des verräterischen Dokuments zu entledigen. Alles, was sie tun konnte, war den Namen unkenntlich zu machen.

Dennoch bereiten mir die Feststellungen Kopfzerbrechen. Was hat es mit diesem ‚unauflösbaren‘ Opfer auf sich? Das klingt ja fast so, als wollte der Patient geopfert werden.

daraus suizidales Verlangen unter der Voraussetzung einer Tötung durch Anhänger eines imaginierten Kultes

Ich starre auf das Blatt Papier, als könnte es mir durch schiere Willenskraft mehr verraten. Mein Blick verschwimmt und ich lege es auf dem Beifahrersitz. Ich steige aus dem Wagen.

Kalte Luft strömt mir aus dem Wald entgegen, wie ein eisiger Atem. Ich ziehe die Jeansjacke fest zu und schlinge die Arme um meinen Oberkörper. Mir fällt die Steppjacke ein, die ich in meiner Wohnung gelassen habe. Die könnte ich jetzt gut gebrauchen und sie würde hervorragend zu der übrigen Kleidung von Nadia Westhoff passen.

Vor mir erstreckt sich dunkel der Wald. Er wirkt zwielichtig und bedrohlich. Ein richtiger Urwald. Die Bäume stehen dicht beieinander. Hinter knorrigen Ästen und dichtem Gebüsch nichts als pechfinstere Schatten. Der kalte Hauch des Waldes wird von unzähligen bekannten und unbekannten Geräuschen begleitet. Zuerst nehme ich das vertraute Stakkato eines Spechtes sowie den Ruf eines Waldkauzes wahr. Dazwischen der hektische Ruf eines Eichelhähers, von dem mein Adoptivvater mir beibrachte, dass er ein begnadeter Imitator zig verschiedener Vogelstimmen sein kann.

Ein kehliger Laut erhebt sich. Was mag das für ein Tier sein? Keinesfalls ein Vogel. Das grunzende und fauchende Geräusch muss von einem größeren Tier stammen. Einem Wildschwein vielleicht. Seltsamerweise erinnert es mich an den stöhnenden Ton im Korridor vor dem Zimmer der alten Frau und irgendwie auch an das Hecheln des blutüberströmten Jungen, den ich auf der Straße halluzinierte. Meine Nerven sind angespannt. Ich muss aufpassen, dass ich mich nicht weiteren Hirngespinsten hingebe. Ich wische mir mit der Hand über das Gesicht.

Es führt kein Weg in den Wald hinein, was mir ganz recht ist. Ich habe nicht vor, das Dickicht zu betreten. Das ist ein Dschungel. Wer kann schon wissen, welche unheimlichen Tiere sich dort eingerichtet haben.

Zieht sich einige Meter hinter dem Waldrand etwa ein Zaun durch das Gestrüpp? Tatsächlich. Ein von Schlingpflanzen überzogener Stacheldrahtzaun, mit einem Kamm aus messerscharfen Spitzen. Als ich nähertrete kann ich sogar ein rostiges Schild erkennen, das schief am Zaun hängt.

‹Achtung Sperrgebiet. Betreten verboten. Kutulu Stiftung.›

Kutulu Stiftung? Das habe ich doch schon irgendwo gehört? Wo nur? Dann fällt es mir wieder ein. Das Bild im Korridor des Feierabendhauses. Eine Versammlung. Gründung der Kutulu Stiftung. Kutulu? Seltsamer Name. Ob das eine Abkürzung ist, so eine Art Akronym?

Eine Bewegung in den Schatten des Dickichts lässt mich zurückweichen. Dann höre ich wieder das knurrende, diesmal hechelnde Geräusch, nur dass es mit einem Mal viel näher klingt. Hat sich da gerade etwas bewegt? Ein Tier, das sich im Unterholz vor mir verbirgt?

Da! Wieder eine Bewegung. Es richtet sich auf. Das ist kein Tier. Das ist ein Mann.

Unfähig, einen Laut von mir zu geben, bleibe ich wie angewurzelt stehen. Der Unbekannte verharrt ebenso wie ich und verschwindet vor meinen Augen immer wieder in der dunklen Umarmung des Waldes. Ist das wieder ein Trugbild? Nein, ich täusche mich nicht. Jetzt sehe ich ihn deutlich, wie er sich mit gesenktem Kopf in die Schatten zwischen den Bäumen drückt.

Ich überwinde meine Erstarrung. «Hey, Sie!», rufe ich. «Was machen Sie da?»

Selbst erstaunt über meinen Mut, mache ich einen weiteren Schritt nach vorne. Was hat er nur an? Ist das ein Mantel? Nein, das sieht eher wie ein Umhang aus. Will er mich mit seiner Erscheinung erschrecken? Sich einen Scherz mit der verängstigten Frau erlauben? Ich versuche mir einzureden, dass ich keine Angst empfinde und doch brodelt Panik in meinem Bauch. Als ich einen weiteren Schritt mache, komme ich mir wie die Motte vor, die leichtsinnig um die Flamme tanzt. Mich überkommt Schwindel, begleitet von einem heftigen Zittern, das meine Beine lähmt.

Ist das Simon Vagts? Unmöglich. Dieser Mann wirkt anmutiger, schlanker als der etwas plumpe und fülligere Vagts.

Ich will schon zurückweichen und zum Wagen gehen, den einzigen Ort hier, der mir ein wenig Sicherheit verspricht, als ich spüre, dass sich die Panik in Wut verwandelt. Ich will mich von Totenbruck und seinen Bewohnern nicht länger zum Narren machen lassen.

Wenige Meter entfernt, drückt ein umgestürzter Baum den Zaun so weit herunter, dass ich den Stacheldraht überwinden kann. Ich balanciere auf dem Stamm auf die andere Seite und stütze mich an einem morschen Ast ab, der jederzeit nachgeben kann. Doch meine Wut schiebt alle Bedenken zur Seite. Als ich hinuntersteige, wende ich mich triumphierend in die Richtung des Unbekannten. Er ist verschwunden. Doch nur eine Halluzination?

Der Waldboden fühlt sich weich an und ist von Moos überzogen. Überall liegt verrottendes Totholz herum, das unter meinen Füßen zerbröselt, wenn ich darauf trete. Ich wage einige Schritte in den Wald hinein und fürchte, jeden Augenblick erneut von Panik übermannt zu werden.

Ein metallisch quietschendes Geräusch dringt an mein Ohr. Es hört sich wie eine schlecht geölte Wasserpumpe an. Einige Schritte entfernt steht eine verrostete und mit Schlingpflanzen überzogene Kinderschaukel. Unter dem Bewuchs und einer Dreckschicht schimmert das Gestell rötlich. Mir bleibt augenblicklich das Herz stehen. Der zerbrochene Plastiksitz aus gelbem Plastik schaukelt langsam aus, als sei er vor kurzem angestoßen worden. War das der Unbekannte? Wie ist er, ohne ein Geräusch zu verursachen, von der Stelle, an der ich ihn zuletzt gesehen habe, dorthin gelangt?

Was hat mich bloß geritten, diesen unheimlichen Wald zu betreten? Meine Lage am Straßenrand war misslich genug.

Ich wende mich um. Da steht er vor mir. Kaum eine Armeslänge entfernt. Der unbekannte Mann. Er muss sich hinter meinem Rücken angeschlichen haben. Mein Herzschlag, der sich schon beruhigt hatte, kommt ins Stocken und nach der Schrecksekunde pocht mein Herz laut in meinen Ohren.

«Verdammt!», entfährt es mir. «Was wollen Sie von mir?»

Er schweigt.

Der Stoff seines Umhangs schimmert rötlich im wenigen Licht, das durch die Baumwipfel dringt. Er hat eine Art Kapuze tief in sein Gesicht gezogen. Das sieht aus wie eine Mönchskutte, nur das es sich nicht um einen groben, sondern um einen feinen, seidenartigen Stoff handelt. Was soll diese Kostümierung?

Mir schnürt sich die Kehle zu. Die Sekte!

«Du bist nicht die Auserwählte,» murmelt er, den Kopf leicht gesenkt, als schaue er vor Scham zu Boden. Nur, dass er nicht den Eindruck macht, beschämt zu sein.

Ich finde meine Fassung wieder.

«Sie verwechseln mich,» sage ich eine Spur zu laut, ohne über meine Worte nachzudenken. Mit wem sollen sie mich verwechseln? Nadia Westhoff kann es nicht sein. Sie suchen den Patienten und nicht die Ärztin.

Ich zwinge mich, die erneut aufsteigende Panik zu unterdrücken und spüre der Wut nach, die mir eben noch so viel Kraft gegeben hat.

«Du bist nicht die Auserwählte», wiederholt der Mann, als habe er mir nicht zugehört.

Aus den Schatten der Bäume schält sich eine weitere Person hervor, nur wenige Schritte von mir und dem Mann entfernt. Sie trägt genauso einen schimmernden Umhang und auch die Kapuze weit ins Gesicht gezogen, so dass die Züge nicht zu erkennen sind. Von der Statur her handelt es sich um eine Frau. Scheiße, was geht hier ab? Knackende Zweige in der Dunkelheit des Unterholzes verraten, dass sich weitere Personen nähern.

Kann ich vor ihnen am Zaun sein? Werden sie mir folgen?

Selbst wenn ich es bis zum Zaun und kurzerhand zur Straße schaffe, wo soll ich hin? Der Wagen wird sich nicht plötzlich von Zauberhand starten lassen. Ich kann nur hoffen, dass Kolev jetzt endlich zurückkehrt.

Mittlerweile ist eine dritte Gestalt aufgetaucht, hochgewachsen und schlank und ebenfalls in eine dieser seltsamen rötlichen Kutten gehüllt.

Wie auf ein Zeichen, sprechen sie gleichzeitig:

«Du bist nicht die Auserwählte.»

«Ihr verwechselt mich. Kapiert das endlich.»

Ich gehe langsam und jeden Schritt sorgfältig setzend rückwärts, ohne sie aus den Augen zu lassen und bedacht darauf jetzt nicht zu stolpern und hinzufallen. Sie verharren jedoch an ihren jeweiligen Positionen.

Einen Schritt nach dem anderen. Sollte ich mich besser umdrehen und loslaufen? Mir behagt der Gedanke nicht, sie aus den Augen zu lassen und ihnen den Rücken zuzuwenden. Wie eine Dompteuse, die den Blickkontakt zu den Raubkatzen nicht verlieren darf.

In dem Moment, als ich beschließe, mich doch umzudrehen, werde ich hinabgerissen in den tiefen Schlund der Hölle. Die Gestalten bleiben in der Dämmerung des Waldes an der Oberfläche zurück, während ich in die Schwärze der Unterwelt stürze.

Ich bin.
Auserwählt.

Noch keine Kommentare vorhanden.

Was denkst du?

© 2019 Andreas Riehn
Powered by Chimpify