Kapitel 23

Ich kenne deinen Namen, ich habe dich erwartet, Kosra Borg.

Ich bin paralysiert. Kann mich nicht bewegen.

Kosra Borg. Sie hat mich mit 'Kosra Borg' angesprochen.

Ich starre auf die Frau. Wenn sich das Tuch über ihrem Gesicht nicht im Takt ihres Atems heben und senken würde, würde ich sie für tot halten. Keine andere Bewegung. Hat sie überhaupt gesprochen oder habe ich mir ihre Worte nur wieder eingebildet?

«Frau Bronsky?»

«Hilf' mir, mich aufzurichten, mein Kind.»

Sie streckt ihre knochige Hand nach mir aus.

Mich ekelt vor ihrer Erscheinung, doch, was bleibt mir übrig? Ich gehe zu ihrem Bett, das im Grunde genommen nur eine bessere Campingliege ist und schiebe meine Hand vorsichtig unter ihre Schulter, um ihr aufzuhelfen. Ich spüre die Knochen unter ihrer ledrigen Haut. Das Nachthemd ist durchgeschwitzt und ihre warme Feuchtigkeit bleibt an meiner Hand kleben. Ich rechne damit, dass jeden Augenblick das Tuch von ihrem Gesicht rutscht und wappne mich gegen den Anblick einer dem Tode geweihten Fratze. Meine Furcht ist unbegründet. Das Tuch ist mit einer Haarklammer an ihrem Haaransatz befestigt. Ich nehme das Kissen und richte es in ihrem Rücken so aus, dass sie sich dagegen lehnen kann.

«Woher kennen Sie meinen Namen?»

Sie schweigt. Spielt mit dem unförmigen Gegenstand in ihrer Hand. Was mag das bloß sein?

Sie räuspert sich und schluckt den Schleim, der sich in ihrer Kehle gesammelt hat.

Dann sagt sie: «Aber natürlich kenne ich deinen Namen. Du hast ihn mir doch selbst gesagt.»

«Sie irren sich, ich bin nie hier gewesen.»

Natürlich bin ich nie hier gewesen. Kann sie mich durch das Tuch überhaupt erkennen?

«Nenn' mich Kosra Borg, wenn ich wiederkomme. Das hast du gesagt.»

Ihr Sohn muss, als er ihr die Windel gewechselt hat, meinen Namen erwähnt haben. Das ist die einzige logische Erklärung.

«Sie verwechseln mich. Ihr Sohn hat Ihnen meinen Namen genannt.»

«Mein Sohn? Ist er denn hier?»

«Aber natürlich. Er war gerade eben bei Ihnen, als sie gerufen haben.»

«Aber, der freundliche junge Mann ist nicht mein Sohn», erklärt sie, als habe ich eine vollkommen törichte Behauptung aufgestellt. «Mein Sohn bereitet sich auf die Reise vor, müssen sie wissen. Die Reise, die er schon vor so vielen Jahren hätte antreten sollen. Ich bin so stolz auf ihn.»

Reise? Hat Bronsky nicht gesagt, dass er erst vor kurzem nach Totenbruck zurückgekehrt ist? Die Frau ist dement. Sie erinnert sich nicht daran, dass er wieder bei ihr wohnt und sich um sie kümmert. Erinnert sie sich überhaupt an den Besuch von Nadia Westhoff?

«Gestern war eine Frau hier und hat das Motorrad Ihres Sohnes ausgeliehen.»

«Eine Frau?»

«Ihr Name ist Nadia Westhoff. Sie haben ihr die Motorradschlüssel gegeben und das Geld entgegengenommen.»

«Geld? Wir brauchen kein Geld. Die Gemeinschaft kümmert sich um uns.»

Von welcher Gemeinschaft spricht sie? Von den Bewohnern Totenbrucks? Ich darf mich nicht ablenken. Wie lange wird Kolev Bronsky hinhalten können?

«War gestern jemand hier?», insistiere ich.

«Aber ja», gibt sie fröhlich zur Antwort, als sei es ihr eben erst wieder eingefallen. «Hörst du mir nicht zu, Kind? Nenn’ mich Kosra Borg hast du gesagt. Ich habe es mir gemerkt oder hast du etwa geglaubt, ich würde es vergessen?»

«Sie täuschen sich. Das war nicht ich. Der Name der Frau ist Nadia Westhoff.»

«Natürlich. Nadia Westhoff. Das weiß ich doch. Ich bin doch noch bei Verstand. Nenn’ mich Kosra, hast du gesagt. Kosra Borg. Was für ein komischer Name. Doch du hast ihn mir genannt.»

«Das war nicht ich», wiederhole ich leicht genervt und fange meinen verärgerten Tonfall gleich wieder ein. Sie kann ja nichts dafür. Sie ist krank. Sie verwechselt es.

«Gestern war eine andere Frau hier.»

«Eine andere? Aber nein. Ich kenne doch deine Stimme, Kind. Wann hörst du endlich damit auf, immer zu lügen?»

In diesem Moment löst sich das Tuch und rutscht von ihrem Gesicht. Ich blicke in milchig tote Augen in einem runzligen bleichen Gesicht. Die Frau ist blind.

Ich kenne doch deine Stimme, Kind.

Ich weiche zurück. Will verschwinden. Was tue ich eigentlich hier?

Ich kenne doch deine Stimme, Kind.

Die Frau kann meine Stimme nicht kennen. Sie verwechselt mich. Sie glaubt, dass es meine Stimme war, mit der sie sich gestern unterhalten hat.

Aber heißt es nicht, dass blinde Menschen ein ganz besonderes Gehör haben? Wie kann sie da die Stimmen verwechseln?

Sie ist eine alte verwirrte Frau. Sie hat gestern die Stimme einer fremden Frau gehört und sie hört heute eine ihr unbekannte Stimme. Sie bringt das ganz einfach durcheinander.

Ich kenne doch deine Stimme, Kind.

Sie kann unmöglich wissen, wer ich bin. Gestern war ich nicht hier. Gestern nicht und zu keinem Zeitpunkt davor.

Und woher kennt sie deinen Namen?

Sie bringt einfach alles durcheinander. Sie ist eine verwirrte Frau. Sie hat vergessen, dass ihr Sohn vorhin meinen Namen erwähnte.

Und wenn er das gar nicht getan hat?

Sei still! Sei endlich still!

«Was hast du gesagt, mein Kind?»

Ich lasse mich nicht verunsichern. Ich darf nicht vergessen, weshalb ich in dieses Zimmer gegangen bin.

«Hat die Frau gesagt, wohin sie mit dem Motorrad wollte?»

«Welche Frau? Das warst du!»

Na, schön, dann spiele ich das Spiel eben mit. Wenn ich nur endlich Antworten erhalte.

«Habe ich gesagt, was ich mit dem Motorrad unternehmen wollte?»

«Hast du das denn vergessen?»

Wir drehen uns im Kreis. Es ist zum aus der Haut fahren. Das war eine Schnapsidee, mit einer verwirrten Frau reden zu wollen.

«Ja. Ich habe es vergessen.»

«Du hast es kaputt gemacht.»

«Was habe ich kaputt gemacht?»

«Das Motorrad. So etwas tut man nicht. Es hat Bronsky viel bedeutet. Du wirst es bezahlen müssen.»

«Es war ein Unfall», sage ich. «Ich werde den Schaden bezahlen. Durch den Unfall habe ich vergessen, was ich mit dem Motorrad vorhatte.»

Ich bin unsicher, ob das ein geschickter Schachzug ist, aber ich muss sie einfach auf irgendeine Art und Weise auf die Frage nach Westhoffs Ziel festnageln. Anders komme ich nicht weiter.

«Du hast so vieles vergessen, Kind. Ich weiß nicht, ob ich dir das glauben soll. Du kannst doch nicht alles vergessen haben?»

Ohne genau zu wissen, worauf die Alte damit hinauswill, erwidere ich: «Ich habe nicht alles vergessen. Ich habe nur vergessen, wohin ich mit dem Motorrad fahren, welchen Ort ich aufsuchen wollte.»

«Ort? Wie meinst du das?»

Es hat keinen Sinn. Aus ihr ist nichts herauszubekommen. Es kann nicht mehr lange dauern, bis Bronsky den Braten riecht. Seine Mutter ist nicht mehr Herrin ihrer Sinne. Von ihr werde ich nichts erfahren. Das war eine Sackgasse. Kolev wird einsehen müssen, dass wir hier nichts ausrichten können. Wir sollten unsere Energie lieber darauf konzentrieren, die Polizei davon zu überzeugen, dass hier ein Verbrechen geschehen ist.

«Entschuldigen Sie, dass ich Sie gestört habe», sage ich.

Keine Reaktion. Sie hört mich nicht mehr, ist in ihre Traumwelten abgedriftet.

Ich will mich schon umwenden, diesen Raum, dieses Haus, diesen ganzen verdammten Ort verlassen, als mein Blick auf den Gegenstand in ihrer Hand fällt.

Was mag das nur sein? Eine Schmuckschachtel? Ein Andenken an bessere Zeiten? Nichts in diesem Raum vermittelt eine Ahnung von Schönheit oder die Erinnerung glücklicherer Augenblicke. Ich stelle mir vor, dass es sich um ein Geschenk ihres Mannes handelt. Dem Vater von Theo Bronsky. Selbst in dem Leben dieser Frau muss es Momente von Verliebtheit und die Hoffnung auf Glück gegeben haben, aber angesichts der Düsternis, die das Zimmer vermittelt, vermag sich das Bild nicht zu verfestigen.

Sie hält den Gegenstand fest umklammert. Für einen Moment lockert sich ihr Griff und ein anderes Objekt rutscht aus ihrer Hand. Ich erkenne sofort das Symbol der schwedischen Automarke. Nadia Westhoffs Autoschlüssel.

Blitzschnell greife ich danach. Wenn mir schon die Frau keine Antworten liefert, so muss ich mein Glück eben mit Westhoffs Wagen versuchen. Dann war der Ausflug in die Hölle nicht umsonst.

Ich bin nicht schnell genug. Mit der freien Hand packt sie mich. Ich habe zwar den Schlüssel, kann mich aus ihrem Griff, der überraschend kräftig ist, nicht befreien. Sie beugt sich zu mir, während ich versuche, der Umklammerung zu entkommen.

«Das Kind,» wispert sie. «Du wolltest das Kind retten.» Dann lacht sie und lässt meine Hand los.

«Welches Kind?»

«Das Mädchen. Die Auserwählte.»

Die Auserwählte? In meinen Eingeweiden klumpt sich Panik, schwer und unförmig, wie ein wassermelonengroßer Tumor. Die Auserwählte. Für den Bruchteil einer Sekunde weiß ich genau, wovon sie spricht. Doch der Augenblick der Erkenntnis fällt in sich zusammen wie eine einstürzende Sonne, die zu einem schwarzen Loch wird und alles um sich herum verschlingt.

Ich bin nicht die Auserwählte.

Habe ich das gerade gesagt? Unmöglich, dass ich überhaupt ein Wort rausbringe. Ich bekomme kaum Luft, ringe nach Atem.

«Jeder weiß, dass sie nicht die Auserwählte ist» wispert die Alte. «Ich habe es immer gewusst. Und deshalb willst du sie retten.»

Ich muss hier weg, bevor ich ersticke.

Ich habe den Autoschlüssel.

«Du hast schon immer gelogen.» Speichel sammelt sich in ihren Mundwinkeln. «Und du hast dich selbst in ein Gefängnis verbannt. Kosra! Ausgerechnet Kosra. Was ist das nur für ein Name? So leicht lässt Lucien sich nicht in die Irre führen.»

Lucien? Von wem spricht sie?

Sie lacht, was sich anfangs wie ein gackerndes Husten anhört, ein Stakkato kurzer Atemstöße, die sich in polternde Schritte im Korridor verwandeln.

«Wo stecken Sie?»

Bronsky!

Ich habe den Schlüssel. Jetzt nichts wie weg hier, bevor Bronsky den Raum betritt und sich auf mich stürzt.

Ehe ich mich versehe, drückt mir die Frau die Schachtel in die Hand. Schachtel? Das Ding ist schwer und massiv. Das ist keine Pappschachtel.

«Das Kind braucht sein Spielzeug,» raunt sie mir entgegen. «Nimm’ es. Das Kind braucht sein Spielzeug.»

Spielzeug? Das Teil sieht nicht wie Spielzeug aus, aber jetzt ist nicht die Zeit sich zu vergewissern, um was es sich handelt. Ich stecke den Autoschlüssel in die eine Tasche der Jeansjacke und das unbekannte schwarze Teil in die andere.

Dann geht alles sehr schnell. Bronsky steht in der Tür.

«Was treiben Sie hier?», schreit er mich an. In seinem Gesicht spiegelt sich der blanke Wahnsinn. Er stürmt auf mich zu und ich wappne mich für den Angriff. Ich spanne mich an und mit einem Mal sind da die Bilder in meinem Kopf, als Radovics sich mit einem Messer in der Hand auf mich stürzt. Plötzlich bin ich wieder in der Kanzlei. Lange nach Büroschluss und kein Kollege ist mehr da. Dann steht er plötzlich in der Tür. Mein Mandant. Was will er mit dem Messer in der Hand? Die Zeit zieht sich zusammen, wird zu einem dunklen Tunnel, durch den ich falle und ich werde in der kleinen Büroküche landen, in der er mich niedergestochen hat. Ich schließe die Augen. 

Aber soweit kommt es nicht. Schon bin ich wieder in der Gegenwart. Spüre, wie der massige Körper von Theo Bronsky mich zur Seite drängt und an mir vorbei zu der alten, blinden Frau auf dem Bett eilt.

«Was hat sie getan?», brüllt er die alte Frau an. «Was hast du ihr gesagt?»

Ich kann hier nichts mehr ausrichten. Ich nutze die Chance und haue ab. Nur weg hier. Wo ist bloß Kolev?

Durch einen roten Schleier, der meinen Blick trübt, sehe ich, wie Bronsky die alte Frau packt und schüttelt.

«Was hast du ihr gesagt?»

Die Erinnerung an Radovics ist verschwunden. Bronsky ist nicht bewaffnet. Er braucht keine Waffen, um mich zu überwältigen. Ich muss hier so schnell wie möglich abhauen. Bronsky lässt von der Frau ab. Er lässt die Arme sinken. Er schreit mich an.

«Sie hätten nicht zurückkehren sollen,» brüllt er.

Bronsky und die alte Frau bleiben zurück, aber der Satz folgt mir. Er war immer da, so wie ich. Die Auserwählte.

Sie hätten nicht zurückkehren sollen.

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