Kapitel 22

Ich renne durch den baufälligen Saal und achte kaum auf meine Schritte. Einmal rutsche ich fast auf einer glitschigen Masse aus, von der ich gar nicht wissen will, was es ist. Ich muss mich beeilen. Der Weg durch das Gebäude dauert schon viel zu lang.

Bronsky wird sich nicht ewig hinhalten lassen, irgendwann den Braten riechen und erkennen, dass ich nicht länger im Wagen sitze.

Ich folge dem Gang vorbei an der Küche und erreiche die Treppe in das oberste Stockwerk. Dort ist alles still.

Hier am Ende des Flurs befindet sich auf der linken Seite eine Art Wohnzimmer. Von einem Aschenbecher auf einem Hocker steigt Zigarettenrauch auf. Die mit Blumenmustern tapezierten Wände sind gelblich, die Möbel abgenutzt und aus den 50 oder 60er Jahren. Auf einer Kommode steht ein alter Röhrenfernseher.

Ein kleines rötlich schimmerndes Licht am Fernseher signalisiert, dass er an der Steckdose angeschlossen ist. Ich bin erstaunt, dass Bronsky mit diesem Dinosaurier der TV-Geschichte noch Sender empfangen kann, obgleich mich an diesem, von der Zeit vergessenen Ort, nichts mehr in Erstaunen versetzt.

Über dem Sofa hängt ein Wandgemälde, das die Zementfabrik in besseren Zeiten zeigt. Es sind unzählige Arbeiter zu erkennen, eine Lorenbahn, die Geröll aus dem Tagebau in die Fabrikhalle schleppt und aus den beiden Schloten, dem dicken Kurzen und dem schlanken Langen, quillt dichter grauer Rauch. Im Vordergrund ist ein Steinhaufen zu sehen, der mir seltsam fehl am Platze scheint. Große, wie achtlos abgelegte Felsbrocken.

Hier ist die alte Frau nicht. Ich muss hinauf in den ersten Stock, der sich mir wie der schwarze Schlund eines Ungeheuers entgegenstreckt.

Der Schlüsselanhänger! Ich fummele das Teil aus der engen Hosentasche hervor. Der Anhänger hat nicht nur die Form einer kleinen Taschenlampe, das Teil funktioniert sogar. Als ich an dem vorderen Ende drehe, flammt ein dünner Lichtstrahl auf. Das Licht flackert. Die Batterie ist fast leer. Das Teil wird sich trotzdem als nützlich erweisen.

Das obere Ende der Treppe ist in undurchdringliche Schwärze gehüllt.

Als ich die erste Stufe betrete, knarrt das Holz und ich stelle mir vor, dass es im ganzen Haus zu hören ist. Ich lausche. Nichts.

Vorsichtig schleiche ich die Treppe hinauf und bin dankbar, dass die unterste Stufe die lauteste gewesen ist. Oben angekommen horche ich. Anfangs höre ich gar nichts. Allein mein Herz schlägt wie eine Trommel. Dann bemerke ich ein hechelndes Geräusch, das ich erst für ein verängstigtes Tier halte. Besitzen Bronsky und seine Mutter einen Hund? Ausgeschlossen, der hätte längst angeschlagen. Das Geräusch ist nicht hektisch genug für das Hecheln eines Hundes und zu schnell, um nur das rhythmische Atemgeräusch einer schlafenden alten Frau zu sein. Ich schalte die kleine Taschenlampe wieder an. An was erinnert mich dieses Geräusch. Mir ist, als habe ich erst vor kurzem gehört.

Das Licht reicht, damit ich wenigstens erkenne, wohin ich trete und beleuchtet mit gelblichem Schimmer die Wände zu beiden Seiten auf wenigen Zentimetern. Ein Korridor. Wohin mag er führen?

Das hechelnde Geräusch hat sich nicht verändert. Es kommt aus der Finsternis vor mir.

Ist das ein Mensch?

Ich mache vorsichtig einen Schritt nach dem anderen. Auf der linken Seite taucht eine Tür auf. Sie ist verschlossen. Erst als ich den Türgriff loslasse, wird mir klar, dass das Geräusch nicht aus dem Raum hinter der Tür stammt.

Die Quelle des Röchelns muss sich in einem anderen Zimmer befinden.

Ein Bild schält sich aus der Dunkelheit. Eine Fotografie an der Wand. Das Foto ist alt. Gelbstichig und voller Wasserflecken. Es sind vier Männer an einem überladenen Schreibtisch zu erkennen und einer der Männer trägt eine SS-Uniform. Die übrigen Männer tragen die in den 30er, 40er Jahren des letzten Jahrhunderts üblichen Anzüge, mit steifen Hemdkragen und bei einem der Männer, der vor dem Schreibtisch steht, fallen mir die für heutige Verhältnisse viel zu breiten Hosenbeine auf.

Die Männer grinsen in die Kamera. Sie scheinen auf das, was der Mann in der Mitte in die Kamera hält, sehr stolz zu sein, obwohl es bloß wie eine alte Vase mit Deckel aussieht. Ich könnte schwören, dass ich den Mann, der das Gefäß hält, schon einmal gesehen habe. Irgendetwas in diesem Gesicht kommt mir bekannt vor.

Unter dem Bild ist ein Textstreifen auf den Rahmen geklebt.

‚Arthur Veys und Edgar Bronsky präsentieren SS-Obergruppenführer Westhoff die Kanope des KurgAnkhRe, Geburtstag des Führers, 20. April 1937.‘

Ich traue meinen Augen nicht. Sicherheitshalber halte ich die kleine Taschenlampe mit ihrem funzligen Licht dicht an den Papierstreifen. Kein Zweifel.

Edgar Bronsky. Die verschlagenen Gesichtszüge hat er seinem Nachfahren, Theo Bronsky, vererbt.

Arthur Veys? Das muss der Eigentümer der Zementfabrik sein.

Bronsky. Die Familie steckt tiefer in der Sache, als Theo Bronsky es uns glauben machen wollte. Es kann kein Zufall sein, dass Nadia Westhoff sich von einem Bronsky das Motorrad geliehen hat. Die Dinge erfahren eine beklemmende Wendung, selbst wenn ich noch nicht begreife, wie alles zusammenhängt. Nadia Westhoff hat wohl kaum zufällig den gleichen Nachnamen wie der Nazi auf dem Bild.

Sollte Nadia Westhoff in meinem Alter sein, dann wird der Obergruppenführer nicht ihr Vater, eher ihr Großvater, wenn nicht gar Urgroßvater sein. Der Mann auf dem Bild ist vielleicht Ende Vierzig, Anfang Fünfzig.

Edgar Bronsky präsentiert SS-Obergruppenführer Westhoff die Kanope des KurgAnkhRe, Geburtstag des Führers, 20. April 1937.

Kanope? Das hat was mit Pharaonen zu tun. Wenn ich mich richtig erinnere, dann handelt es sich dabei um eine Art Grabgefäße. Na, ich bin mir sicher, dass Kolev mir später dazu einen Vortrag halten wird. Aber von der Verbindung der Familien Bronsky und Westhoff hatte er keine Ahnung. Ich bin gespannt, was er dazu sagen wird.

Langsam, Schritt für Schritt, bewege ich mich mit der Taschenlampe in der Hand weiter. Aus den Schatten tauchen weitere gerahmte Fotografien auf, Bilder von Veranstaltungen in dem Saal, durch den uns Bronsky vorhin in die Wohnung geführt hat. Ich erkenne den Raum anhand der langgezogenen Theke und der gegenüberliegenden Bühne. Auf dem Foto ist alles intakt, die Bühne nicht halb eingesackt, es liegt kein Unrat auf dem Boden und die Theke ist blitzblank. Auf den Bildern erstrahlt alles wunderbar geschmückt und ordentlich. Die Fotos stammen aus den 50er und 60er Jahren, genau wie die Einrichtung des Wohnzimmers. Soweit die Bilder mit Informationen versehen sind, meistens wieder mit einem Papierstreifen am Rahmen oder direkt auf das Foto geschrieben, lese vom „Tanz in den Mai 1964“, vom „70jähriges Betriebsjubiläum Totenbrucker Zementfabrik 1958“, vom „Schützenfest 1967“, von Hochzeitsfesten und Faschingsveranstaltungen, Theaterstücken und Orchestermusik. Es muss bei solchen Abenden hoch hergegangen sein im Saal, der jetzt lediglich eine bessere Müllkippe ist. Musik und lautes Lachen, Stimmengewirr und klirrende Gläser. Nichts von dem hätte ich ansatzweise mit Totenbruck in Verbindung gebracht.

Ich frage mich, ob von den fröhlichen Menschen noch jemand lebt? Auf etlichen Fotos sind junge Leute zu sehen, die zum Zeitpunkt der Aufnahme Anfang, Mitte zwanzig sind. Sie wären jetzt in ihren Siebzigern bzw. Achtzigern. Ob sie sich an diese unbeschwerten Augenblicke erinnern? Können Sie noch lachen?

Ich kann das fröhliche Treiben auf den Bildern nicht mit dem in Einklang bringen, was ich bisher von Totenbruck gesehen oder gehört habe.

Die heiteren Bilder lassen mich vergessen, wo ich mich befinde, fast ist es so, als wiche die Dunkelheit des Korridors vor ihnen zurück. Ich schlendere an der Wand entlang und erschrecke, als auf einer weiteren Fotografie ein grässliches Monster sehen ist. Ein wahres Ungeheuer, verglichen mit den Menschen, die zu seinen gewaltigen Füßen stehen, mindestens sechs bis acht Meter groß. Ein gedrungener unförmiger Körperbau, der an einen Riesengorilla aus dem Kino erinnert, wenn da nicht der missgestaltete Kopf in Form eines Schweineschädels wäre. Statt eines Rüssels besitzt das Monster eine Hundeschnauze und überall sprießen unzählige glitschig wirkende Tentakeln aus der Fratze. Es handelt sich um eine riesenhafte Steinfigur. Mich widert der Anblick an und jagt mir fortwährende Schauder durch den Körper. Ich kann mir meine Furcht nicht erklären. Es ist doch nur ein Foto.

Um die Figur herum stehen drei Personen, bei denen es sich offenbar um Filmleute handelt, sowie eine alte kompliziert wirkende Kamera und zwei Scheinwerfer. Auf dem Papierstreifen auf dem Bilderrahmen steht: ‹Prof. Veit Harlan bei Filmarbeiten im oberen Saal, Juni 1941.›

Schon wieder Nazis. Naja, im Grunde genommen wundert es mich ja nicht, dass diese Leute Geschmack an solchen Götterlegenden fanden. Hatte Himmler nicht ein Faible für alles Okkulte?

Erst als ich auf wackligen Beinen ein paar Schritte gegangen bin, erscheint erneut eine Fotografie. Sie ist erheblich jünger und zeigt Stuhlreihen voller Menschen unterschiedlichen Alters, die gebannt einem Redner an einem Pult lauschen. Auf einem Podest sitzen an einem langen Tisch mehrere gewichtig dreinblickende Männer in steifen Anzügen.

‹Gründung der Kutulu Stiftung, 01. Oktober 1995.›

Kutulu Stiftung? Was ist das nun wieder?

Ich habe nicht genug Zeit, mich mit dieser Frage aufzuhalten. Ich gehe weiter und erreiche das Ende des Korridors. Erneut eine Tür. Von dort kommt das röchelnde Atmen.

Hört es sich anders an, als noch vor wenigen Augenblicken oder bilde ich mir das ein? Eben noch war ich mir sicher, dass es unmöglich von einem Menschen stammen kann und mit einem Mal meine ich, das regelmäßige Atmen einer alten Frau zu vernehmen. Hier muss sie hausen. Bronskys Mutter.

Vorsichtig drücke ich die Türklinke. Die Tür ist nur angelehnt und lässt sich lautlos aufschieben. Der Raum ist wie der Flur in Düsternis gehüllt, wenn auch keine so pechschwarze Finsternis. Umrisse zeichnen sich ab. Das ist kein Zimmer, sondern eine Art Speicher, lauter schräge Winkel und enge Nischen.

Beißender Uringestank umfängt mich. Ich komme mir mit der Taschenlampe in der Hand wie eine Einbrecherin vor. Die beiden Fenster sind mit Stoffen verhängt, die mit Nägeln am Fensterrahmen befestigt sind. Die Fetzen sind so dünn, dass sie genug Licht in das Zimmer lassen. Ich schalte die Lampe aus.

Die schlanke Frau im Sessel mir gegenüber, die ich schon ansprechen wollte, ist kein Mensch, sondern eine Schaufensterpuppe mit seltsam verdrehten Armen und Beinen. Dennoch ist das röchelnde Atemgeräusch jetzt ganz nah.

Auf der rechten Seite steht ein Kleiderschrank, dessen Türen halb geöffnet sind. In den Schatten zeichnen sich die Umrisse von Kleidern und Jacken ab. Davor befinden sich ein Standventilator und Kartons voller Nippes und Krimskrams.

Mein Blick wandert zurück zu der Puppe im Sessel. Hat sie sich bewegt? Unmöglich. Es ist eindeutig eine Schaufensterpuppe. Ein Mensch könnte seine Gliedmaßen nicht derart unnatürlich verdrehen, zumindest kein lebendiger. Bitte keine weiteren Halluzinationen. Nicht in diesem Raum.

Dann entdecke ich ein Bett auf der linken Seite. Es ist schmal, kaum größer und höher als ein Kinderbett.

Eine Frau liegt darauf. Ich vermute, dass es sich um eine Frau handelt, denn so genau ist das in dem schummrigen Licht nicht zu erkennen. Das muss Bronskys Mutter sein, auch wenn die schlanke, ja dürre Person so gar nicht zu der kräftigen Stimme passen will, die bis in das Erdgeschoss zu hören war.

«Frau Bronsky?»

Keine Reaktion.

Ich trete näher an das Bett. Traue mich aber nicht, die Taschenlampe wieder anzumachen.

Ihr Gesicht ist unter einem Tuch verborgen. Ein etwas zu große geratenes Taschentuch oder ein Halstuch? Ein feiner Seidenstoff, dessen Farbe im schwachen Licht nicht zu identifizieren ist. Der Stoff hebt und senkt sich im Rhythmus ihres Atems, der für eine schlafende alte Frau viel zu schnell geht. Ansonsten deutet nichts darauf hin, dass die Person, die dort auf dem Bett liegt, wach ist.

Die Umrisse ihres Gesichts zeichnen sich grob ab, eine spitze Nase, eine glatte, gewölbte Stirn und tief in ihren Höhlen liegende Augen. Ihr Atem verursacht die einzige Bewegung, ansonsten zeigt sich an ihrem Körper keine Regung.

Sie holt rasselnd Luft.

Warum hustet sie nicht? Sie wird an dem Schleim noch ersticken.

Ihre Brust ist flach. Zwei ausgezehrte Brüste, die an jeder Seite überhängen und den dünnen weißen Oberarmen entgegenstreben, die eng an den Körper gepresst sind, während ihre Hände über dem geschwollenen Bauch ruhen und eine dunkle Schachtel halten.

Ihre spindeldürren Beine stecken in einer Art Jogginghose, die ihr viel zu weit ist und an den Füßen trägt sie klobige, fellbesetzte Hausschuhe. Eine Spinne verschwindet hastig im Inneren der Schuhe.

«Frau Bronsky?»

Erneut keine Reaktion.

«Sie brauchen keine Angst zu haben. Ich will nur mit Ihnen sprechen. Mein Name ist…»

Mein Blut gefriert, als sie mich mit rauer Stimme unterbricht.

«Ich kenne deinen Namen, ich habe dich erwartet, Kosra Borg.»

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