Kapitel 21

Kolev und ich bleiben allein in der Küche zurück. Bronsky ist losgespurtet, als sei der Leibhaftige hinter ihm her, beziehungsweise habe nach ihm gerufen. Und tatsächlich steckt mir noch der Schrecken in den Gliedern. Wenn ich nicht wüsste, dass der Schrei von einer alten Frau im ersten Stock gekommen sein muss, dann würde ich mich fragen, ob er überhaupt von einem Geschöpf dieser Welt stammte. Ein deutliches Zeichen, dass mich diese ganzen Geschichten von außerirdischen Göttern schon ganz kirre gemacht haben.

«Und jetzt?» fragt Kolev und schaut mich mit großen Augen an. Eine echte Hilfe ist er bisher nicht gewesen.

«Sie sind doch der Journalist», blaffe ich ihn an.

Es schadet nicht, wenn er mal etwas in die Gänge kommen würde. Wo ist nur seine Chuzpe hin, mit der er in das Hotelzimmer eingedrungen ist?

«Es ist ihr Beruf, mit Fragen etwas aus den Leuten herauszukitzeln.»

«Sie haben doch selbst gehört, was er gesagt hat. Die Mutter hat mit Nadia Westhoff gesprochen.»

«Eben. Und offensichtlich hat Westhoff das Fabrikgelände erwähnt. Vielleicht hat sie der Mutter gesagt, was sie dort suchte. Wir müssen unbedingt mit der Mutter sprechen.»

«Dann hätte sie es doch ihrem Sohn gesagt.»

«Wirklich? Ist Ihnen schon mal die Idee gekommen, dass Bronsky etwas mit dem Verschwinden von Nadia Westhoff zu tun hat? Die Geschichte stinkt, finden Sie nicht? Ich kann mir nicht vorstellen, dass Westhoff von diesem Typen ein Motorrad leihen würde. Und wenn sie eins benötigte, dann hätte sie doch in der Stadt eins mieten können. Weshalb kommt sie mit dem Volvo hierher und mietet von diesem verschlagenen Kerl ein Motorrad?»

Kolev kratzt sich an der Stirn. «Sie könnte etwas über Bronsky herausgefunden haben. Das mit dem Motorrad mag ein Vorwand gewesen sein, um mit ihm Kontakt aufzunehmen. Aber, warum zieht sie den Deal dann durch und stellt ihn nicht einfach nur zur Rede?»

Kolev spielt auf den offensichtlichen Punkt an, dass Westhoff das Motorrad letztlich benutzt hat, sonst wäre sie nicht auf der Straße verunglückt. Warum hätte sie das Motorrad an sich nehmen sollen, wenn sie Bronsky bloß zum Sprechen bringen wollte?

«Wahrscheinlich haben Sie Recht,» sage ich resigniert. «Hier kommen wir nicht weiter.»

«Das habe ich nicht gesagt. Wir haben noch nicht mit der alten Frau gesprochen.»

«Was sollte das bringen? Ist es nicht besser, jetzt einfach die Polizei zu rufen? Sollen die sich doch mit Bronsky und seiner Mutter herumschlagen.»

«Ach, kommen Sie. Ich muss Ihnen als Rechtsanwältin doch nicht sagen, dass wir viel zu wenig in der Hand haben, dass sich die Polizei für die Sache interessiert. Wir können Westhoff nicht einfach als vermisst melden. Die lachen uns aus. Die Zeit läuft uns davon.»

Ich trete an das Waschbecken, drehe den rostigen Hahn auf und halte meine Hände in den kühlenden Wasserstrahl. Dann tauche ich mein Gesicht in das frische Wasser. Gib’ jetzt nicht auf, Kosra, bete ich mir in Gedanken vor. Nadia Westhoff braucht deine Hilfe. Lass’ sie nicht einfach zurück. Du musst ihr helfen.

In diesem Augenblick betritt Theo Bronsky die Küche. In seiner rechten Hand hält er ein weißes Bündel, das ich im ersten Moment für eine Art Luftballon oder eine aufgeblähte Wärmflasche halte, bis ich erkenne, dass es sich um eine aufgedunsene Erwachsenenwindel handelt. Er hat seiner Mutter die Windel gewechselt.

Ich drehe den quietschenden Wasserhahn zu und habe keine Ahnung, womit ich mir das Gesicht trocknen soll. Schließlich wische ich mir mit den Ärmeln des Sweatshirts über das Gesicht.

«Wir müssen mit Ihrer Mutter sprechen,» sage ich, als Bronsky die Windel achtlos auf einen Haufen Altpapier in der Ecke wirft.

«Das ist unmöglich.»

«Eine Frau ist verschwunden und Ihre Mutter war die letzte Person, die mit ihr gesprochen hat», insistiert Kolev.

«Meine Mutter ist krank. Sie braucht ihre Ruhe. Außerdem weiß sie nichts. Ich habe Ihnen schon gesagt, dass sie bloß die Kaution entgegen genommen und ihr die Schlüssel gegeben hat. Und jetzt verschwinden Sie.»

«Sie haben doch selbst gesagt, dass Westhoff ihrer Mutter gegenüber das Fabrikgelände erwähnte?», erwidere ich.

«Habe ich das?»

Kolev stemmte die Arme in die Hüften, was seinen folgenden Worten Nachdruck verleihen soll. «Nun, wir werden eine Vermisstenanzeige bei der Polizei aufgeben müssen», sagt er. Was sich anhört, als wäre er plötzlich selbst überzeugt, dass die Sache in die Hände der Polizei gehört, ist offenbar eine Finte für Bronsky.»

«Sie wissen ja wohl, was das bedeutet. Gegenüber den Beamten werden Sie nicht so einfach davonkommen und die Aufregung für Ihre Mutter wird nur um so größer sein.»

«Tun, Sie, was Sie nicht lassen können,» erwidert Bronsky kühl und Kolev zuckt kurz mit den Armen, belässt sie dann aber an seiner Hüfte, bemüht, sich seine Resignation nicht anmerken zu lassen.

Muss er die Flinte ins Korn werfen? Vor allem dann, wenn er mich überzeugt hat? Wir dürfen jetzt nicht aufgeben. Ich darf jetzt nicht aufgeben. Das bin ich Nadia Westhoff schuldig.

«Wir wollen doch nur wissen, wohin Nadia Westhoff mit der Maschine fahren wollte,» starte ich einen weiteren Versuch. «Sie können bei dem Gespräch ja gerne dabei sein. Wir hören sofort auf, wenn es Ihrer Mutter zu viel wird.»

«Wohin soll sie hier schon gefahren sein? Es gibt ja nur das Fabrikgelände. Was anderes kann man mit einer Enduro hier nicht machen.»

«Der Unfall hat sich aber nicht auf dem Fabrikgelände ereignet, sondern auf einer der Ausfallstraßen.»

Ausfallstraßen? Ich weiß selbst nicht, wie ich auf diesen Ausdruck komme. Mir fiel nichts Besseres ein, nachdem ich keine Erinnerung besitze, wohin die Straße führt, auf der ich die Motorradfahrerin gefunden habe. Ausfallstraßen? Kann es das in Totenbruck überhaupt geben?

«Ist mir doch egal. Hauptsache, sie bezahlt mir den Schaden.»

«Ich bin mir sicher, dass Frau Westhoff Ihnen den Schaden ersetzt. Nur, dafür müsste sie erst wieder auftauchen.»

«Sie wird ja wohl kaum vom Erdboden verschluckt worden sein.»

Da wäre ich mir an diesem Ort mit seinen angeblichen Monstern in unterirdischen Höhlen nicht so sicher.

«Haben Sie gewusst, was Frau Westhoff beruflich macht?», frage ich ihn, ohne im ersten Moment zu wissen, worauf ich mit der Frage überhaupt hinauswill. Ich möchte nicht einfach aufgeben. Irgendwie muss dieser Theo Bronsky doch weich zu kochen sein.

«Was geht mich das an.»

«Sie hat als Psychologin ein Kind betreut, dass vor einigen Jahren hier aus den Fängen einer Sekte befreit wurde.»

Kolev kneift die Augen zusammen. Wohin soll das führen, will er mir damit sagen oder, dass das nicht das richtige Thema an diesem Ort ist. Ich reagiere nicht darauf. Ich habe es satt, mich von Totenbruck einschüchtern zu lassen.

«Die Sache ist lange her,» erwidert Bronsky, aber ein Zucken seiner Mundwinkel verrät mir, dass er den Themenwechsel nicht erwartet hat und die Wendung vielleicht sogar fürchtet.

«Offensichtlich noch nicht lange genug. Sie sind hier aufgewachsen. Sie müssten sich doch noch daran erinnern.»

Bronsky beißt sich auf die Lippe. Dann hellt sich sein Gesicht auf. «Jetzt kapiere ich. Na, das erklärt einiges.»

«Bitte?»

«Jetzt tun Sie mal nicht so. Da hat Ihre Freundin bei meiner Mutter wohl auf Granit gebissen. Glauben Sie mir. Diese Westhoff war nicht die erste, die meine Mutter wegen der Sache ausquetschen wollte. Aber da haben sich schon ganz andere die Zähne ausgebissen. Netter Versuch sich hier unter dem Vorwand anzumelden, meine Maschine zu mieten und dann ausgerechnet aufzutauchen, wenn ich nicht im Haus bin. Aber von meiner Mutter wird sie nichts erfahren haben. Das können Sie mir glauben. Jedenfalls hat sich Ihre Freundin damit geschickter angestellt als ihr zwei gerade.»

Die Figur am Traumfänger vor der Tür. Die Schlange mit den Hörnern. Jetzt verstehe ich. Bronskys Mutter steht in Verbindung mit der Sekte. Im nächsten Augenblick bestätigt Bronsky meinen Verdacht.

«Sie hat ihre Strafe abgesessen. Sie hat nichts damit zu tun, was mit den Kindern geschehen ist. Lassen Sie sie in Ruhe.»

Kolev reißt die Augen auf. Warum wundert es mich nicht, dass er von dieser Verbindung keine Ahnung hatte?

«Dann kann es doch nicht in Ihrem Interesse sein, dass die Polizei hier auftaucht?»

Bronsky grinst mich breit an. Die Polizei macht ihm keine Angst, so viel ist klar. Ich bin ja mittlerweile selbst überzeugt, dass uns bei der Polizei niemand Glauben schenken wird.

«Also, verschwinden Sie jetzt,» sagt Bronsky und packt Kolev schmerzhaft am Arm.

«Ist ja gut. Wir gehen ja schon.»

Ich will protestieren, weiß aber nicht, wie wir gegen Bronsky ankommen sollen. Kolev wird es körperlich nicht mit ihm aufnehmen können. Und wohin sollte das führen?

So trotten Kolev und ich missmutig vor Bronsky zurück zum Eingang, nur dass ich diesmal nicht darauf achte, ob ich in irgendwelchen Unrat steige. Ich überlege fieberhaft, wie wir an die Mutter herankommen könnten.

Als wir vor die Tür treten, habe ich resigniert. Enttäuschung breitet sich in mir aus.

Als wir auf den Stufen der Veranda sind, dreht Kolev sich zu Bronsky um.

«Können wir uns die Maschine kurz ansehen?»

Was soll das jetzt noch bringen?

«Das ist keine Ausstellung hier,» blafft Bronsky ihn an. «Verschwinden Sie endlich.»

Kolev holt seine Geldbörse hervor und zieht einen Zweihunderter heraus. «Ein Vorschuss auf den Schadensersatz. Was meinen Sie?»

Bronsky kratzt sich das schlecht rasierte Kinn. Zweihundert Euro sind an diesem Ort eine Menge Geld.

Er trottet an Kolev vorbei die Stufen hinab und reißt ihm im Vorbeigehen das Geld aus der Hand.

«Das müssen Sie sich dann aber von der Lady wiederholen,» grummelt er und bedeutet Kolev, ihm zu folgen.

«Ich warte im Wagen,» sage ich. Setze mich in Kolevs Auto und lasse die Tür angelehnt, damit sie kein Geräusch macht, wenn ich sie wieder öffne.

Kolev zwinkert mir zu. Das heißt dann wohl ‹Wir verstehen uns› oder ganz einfach ‹Beeilen Sie sich, wir haben nicht viel Zeit.›

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