Kapitel 20

Noch bevor wir die erste Stufe der Veranda betreten, öffnet sich die Tür, und ein knapp vierzigjähriger Mann steht im Rahmen. Wer auch immer uns zuvor hinter den Gardinen beobachtet hat, kann es unmöglich so rasch zur Tür geschafft haben, es sei denn, ich hätte mich getäuscht und ein Windzug hat die Vorhänge bewegt.

Mein Blick klebt noch an der geschnitzten Schlange mit den Hörnern, doch dann reiße ich mich los. Was soll das schon zu bedeuten haben? Ich muss nicht an jeder Ecke Gespenster sehen.

Der Mann an der Tür sieht allerdings wie eines aus. Sein fleischiges Gesicht ist blass, fast weiß und von kleinen Äderchen durchzogen. Er wirkt blutarm, ein Eindruck, der dadurch verstärkt wird, dass seine Augen von tiefen, schwarzen Augenringe umgeben sind und sein Schädel vollkommen kahl ist. Jetzt also auch noch Vampire, geht es mir durch den Kopf.

Ein Grinsen breitet sich auf seinem Gesicht aus, als er mich anblickt und er präsentiert mir ein Gebiss mit Lücken wie die schiefen Zinnen eines Burgturms; eine Handvoll braune Stummel in einem Mund fast ohne Lippen.

Er trägt einen Strickpullover mit einem ausgewaschenen blau-grünen Kordelmuster zu einer grauen, fleckigen Stoffhose.

Kolev räuspert sich, doch der Mann wendet nicht seinen Blick von mir.

«Theo Bronsky?», fragt Kolev.

Jetzt erst dreht sich Bronsky zu dem Journalisten.

«Wer will das wissen?»

«Mein Name ist Sebastian Kolev und das ist Frau Borg. Wir sind Freunde von Nadia Westhoff…»

«Die soll selber kommen,» blafft Bronsky ihn an. «Hat mir mein Motorrad ganz schön übel zugerichtet. Bevor sie mir nicht den Schaden ersetzt, rücke ich ihr Auto nicht heraus.»

Bei der Erwähnung des Wagens deutet er mit einem Kopfnicken auf den Volvo.

Kolev räuspert sich. «Nun, äh, wir sind nicht wegen des Wagens hier. Frau Westhoff ist, wie soll ich sagen, sie ist verschwunden.»

«Da habe ich aber ganz was anderes gehört. Vagts soll sie vom Asphalt gekratzt und zusammen mit dem Doktor zurück ins Hotel gebracht haben.»

Bronsky schaut mir kurz in die Augen. Er erkennt mich nicht. An wen er sein Motorrad auch verliehen hat, ich bin es nicht gewesen. Ich schlucke, so sehr beruhigt mich diese Erkenntnis. Nicht auszudenken, wenn er Nadia Westhoff in mir erkannt hätte.

Kolev weiß offenbar nicht, was er entgegnen soll. Es fehlt nicht viel und dieser Bronsky knallt uns die Tür vor der Nase zu.

«Das mag sein,» mische ich mich ein. «Aber es ändert nichts daran, dass sie verschwunden ist.»

Er ist kräftig gebaut und das Spiel seiner Muskeln ist deutlich zu erkennen, selbst bei einer so wenig anstrengenden Tätigkeit, wie eine Tür aufzuhalten.

Kolev erwacht aus seiner Erstarrung. «Wir machen uns Sorgen um sie. Wir können sie aber leider nicht erreichen. Sie hat Ihnen doch bestimmt eine Telefonnummer hinterlassen, unter der sie zu erreichen ist?»

Was ist denn mit dem los, kann ich gerade noch denken, doch es ist zu spät, um noch intervenieren zu können. Dieser Bronsky ist bestimmt nicht der Hellste, aber so blöd ist er nun auch wieder nicht.

«Ich denke Sie sind Freunde von der Westhoff? Dann werden Sie doch bestimmt ihre Telefonnummer haben.»

Er will die Tür schon schließen. Ich überlege fieberhaft, was wir tun können, um ihn aufzuhalten. Was haben wir erreicht? Nichts. Unabhängig davon, was wir überhaupt von ihm über Nadia Westhoff oder ihren Verbleib erfahren können, ist das, was wir bisher herausgefunden haben eindeutig zu wenig.

«Haben Sie vielleicht einen Schluck Wasser für mich?», frage ich. Meine Kehle ist staubtrocken. Ich hätte im Hotel mehr trinken sollen und bin froh es nicht getan zu haben, sonst wäre mir diese Finte nicht eingefallen.

Bronsky starrt mich an. Dann winkt er uns herein.

Als wir ihm ins Innere des Gebäudes folgen, nickt Kolev mir anerkennend zu. Naja, mit Ruhm hat sich der Investigativjournalist nicht bekleckert.

Wir betreten ein Foyer, das auf den ersten Blick wie eine Grotte wirkt, aber auch nur, weil es so dunkel ist. Auf den zweiten Blick öffnet sich der Raum zu einem weitläufigen Saal, von einer Größe, die ich dem Gebäude von außen gar nicht zugetraut hätte.

Auf der einen Seite eine morsche langgezogene Theke und gegenüber eine halb im Boden versunkene Bühne.

Ich frage mich, welche Art von ‚Kulturveranstaltungen‘ hier wohl stattgefunden haben? Ich möchte an Bauerntheater denken, an Tanzveranstaltungen oder Bingoabende mit alten Leuten, doch ich sehe nur geifernde Menschen, die mit einem Bier in der Hand zusehen, wie auf der Bühne einem nackten Kind das Herz aus dem Leib geschnitten wird.

„War immer was los hier,“ sagt Bronsky, als wir uns einen Weg durch den Unrat bahnen, der überall auf dem Boden verteilt ist. „Mein Vater war Pächter. Das Gebäude gehörte der Zementfabrik.“

„Und jetzt?“, frage ich, ohne selbst zu wissen, worauf sich meine Frage genau bezieht. Tanz in den Mai wird hier bestimmt nicht mehr veranstaltet. Wem das Gebäude gehört ist eigentlich unerheblich.

«Na, hat alles diese Auffangfirma oder wie man das nennt geerbt. Lässt Mutter hier wohnen, wenn sie dafür nach dem Rechten schaut.“

Er wohnt mit seiner Mutter hier?

«Muss ganz schön Arbeit machen, so ein großes Gebäude?»

Bronsky knurrt irgendetwas Unverständliches und ich verstehe nur das Wort ‹Pflegefall›.

«Das Haus? Ein Pflegefall?»

«Ne, Mutter. Geht zu Ende mir ihr. Deswegen bin ich hier. Kommt ja alleine nicht mehr zurecht.»

«Und Ihr Vater?»

«Hat sich vor zehn Jahren erhängt.» Er deutet mit einem Kopfnicken nach oben und erst denke ich, er meint den Himmel, in dem sein Vater jetzt ist und hätte ihm eine solch feierliche Sichtweise gar nicht zugetraut. Dann ergänzt Bronsky: «An einem der Deckenbalken. Waren damals noch nicht so morsch wie heute.»

Soviel zum Thema Himmel an diesem Ort.

Mir kommt der Weg durch den Saal unendlich vor. Ganz schön viel Aufwand für ein Glas Wasser. In mir keimt die Hoffnung, dass sich Bronsky als zugänglicher erweisen könnte, als sein erster Eindruck befürchten lässt.

Viel Zeit mir Hoffnungen oder Gedanken zu machen, habe ich nicht. Dauernd muss ich aufpassen, nicht in irgendeinen Abfallhaufen auf dem Boden zu treten, den ich überhaupt erst im letzten Augenblick entdecke. Überall liegt Müll verteilt auf dem Boden herum. Bei jedem meiner Schritte knirschen Scherben und einmal huscht eine Kakerlake gerade noch davon.

Es ist verdammt düster hier. Die Messinglampen, die die Wände des Saales säumen, sind erloschen. Das spärliche Licht fällt durch die schmutzigen, halb verhangenen Fenster sowie ein kreisrundes Oberlicht im Giebel.

Durch den in der Luft wabernden Staub erkenne ich schemenhaft Bilder an den Wänden. Auf einem kann ich grob einen Arbeiter ausmachen, der vor einer Fabrik einen Sack auf dem Rücken schleppt. Ich wende den Blick, bevor meine Halluzinationen die Darstellung bestimmen.

Hinter einer Art spanischen Wand treten wir durch eine Tür und gelangen in einen Raum, der mal die Garderobe gewesen sein muss. Hinter einer Theke sind mehrere Reihen Garderobenständer aufgestellt und in einer Ecke steht ein Stuhl.

Dann durchqueren wir eine kleine Diele. Links steht eine Kellertür offen, kalte Luft strömt herauf und es ist ein Brummen zu hören, wie von einem Aggregat.

Bronsky führt uns in die Küche. Sie ist überraschend groß, wenn auch düster und modrig, weil die Vorhänge nur Streifen Licht hereinlassen, die wie gleißende Klingen den Raum durchschneiden. Überall liegen schimmlige Lebensmittelreste herum.

Von der Decke hängen unzählige Töpfe mit Kräutern, so dass die Weiträumigkeit nicht sofort auffällt. Jedenfalls halte ich die Gewächse für Kräuter, auch wenn mir keine der Pflanzen bekannt vorkommt. Ich kann aber auch nicht von mir behaupten, mich mit Kräutern auszukennen.

In einer Ecke steht ein Küchenschrank mit Milchglasscheiben, hinter denen sich schiefe Türme aus Tellern und Tassen abzeichnen, die demjenigen entgegenstürzen werden, der so unvorsichtig sein wird, eine der Schranktüren zu öffnen.

Ich stelle mir vor, dass die Küche so groß ist, weil hier früher für die Gäste im Saal des Feierabendhauses gekocht wurde. Umrisse an den Wänden bestätigen meine Vermutung. Ursprünglich stand hier ein dreimal so großer Herd wie jetzt, und dort, wo ein normalgroßes Emaillewaschbecken hängt, muss früher ein Doppelbecken aus Edelstahl befestigt gewesen sein, mit einem geräumigen Unterbau mit Platz für Töpfe und Pfannen. Der freigewordene Platz ist vollgetopft mit zum Bersten gefüllten Plastiktüten, leeren Lebensmittelverpackungen und gelbstichigen alten Zeitungen.

Bronsky tritt an ein vor Schmutz starrendes Waschbecken mit einem rostigen Wasserhahn. Plötzlich ist mein Durst gar nicht mehr so groß. Über dem Waschbecken hängt ein verschmierter Spiegel, in dem sich Kolev und ich hinter Bronskys breitem Rücken schemenhaft abzeichnen, als könnten wir an diesem Ort jeden Augenblick verlöschen.

Bronsky nimmt ein mit Schlieren übersätes Glas, füllt es aus dem rostigen Wasserhahn mit Wasser und reicht es mir.

Das Glas ist so glitschig, das es mir fast aus der Hand rutscht.

«Hat Nadia Ihnen gesagt, warum sie das Motorrad ausgeliehen hat?», will ich von Bronsky wissen und nenne die andere Frau beim Vornamen, um die vorgetäuschte Freundschaft mit ihr zu untermauern. Das Glas halte ich fest umklammert. Ich kann unmöglich daraus trinken. Das Wasser sieht zwar klar und sauber aus, aber das Glas ist ekelerregend.

Bronsky zuckt die Schultern.

«Ist ’ne Geländemaschine. Ne Enduro. Wollte wohl einfach Spaß haben, denke ich. Hat wohl was vom alten Fabrikgelände gesagt. Ist genau der richtige Ort für so ’ne Maschine.»

"Was soll das heißen? Hat sie das Fabrikgelände erwähnt oder nicht?"

"Weiß nicht mehr. Ist das wichtig, wo sie war?"

«Vielleicht. Verleihen Sie Ihr Motorrad häufiger an Fremde?»

«Manchmal.» Er kneift die Augen zusammen und mustert mich. «Sind Sie vom Finanzamt oder was? Ist alles ordnungsgemäß versteuert. Kommt ohnehin nicht oft vor, dass jemand das Teil mietet. Lohnt sich eigentlich gar nicht.»

«Sie hat also nicht genau gesagt, wozu sie das Motorrad brauchte?»

«Woher soll ich das wissen?»

«Naja, haben Sie nicht mit ihr gesprochen? Sie haben sich doch bestimmt mit ihr unterhalten, als sie das Motorrad übergeben haben?»

Er glotzt mich an, seine Kiefer mahlen. Ihm gefallen die Fragen nicht, das ist deutlich zu erkennen. Entweder er ist der Fragerei überdrüssig oder er hat etwas zu verbergen.  Ich frage mich, ob Kolev und ich es mit Bronsky aufnehmen könnten. Was ist, wenn er hinter dem Verschwinden von Nadia Westhoff steckt? Was, wenn er sich erwischt und  in die Ecke gedrängt fühlt?  

Schließlich entspannt sich sein Gesichtsausdruck und er deutet auf das Glas in meiner Hand. Ich habe es immer noch nicht über mich gebracht, etwas zu trinken.

«Hatten Sie nicht gesagt, dass Sie Durst haben?»

Tja, wenn ich Antworten möchte, dann muss ich wohl das Opfer bringen. Ich führe das Glas an meine Lippen und kurz bevor ich es meinen Mund berührt dreht Bronsky sich zum Waschbecken und dreht den Wasserhahn fest zu, der die ganze Zeit getropft hatte. Ich nutze den kurzen Augenblick und schütte den Inhalt des Glases in einer blitzschnellen Bewegung in einen der Kräutertöpfe, die neben mir von der Decke hängen.

«Wollen Sie noch?», fragt Bronsky, als er sich wieder umdreht und das leere Glas in meiner Hand bemerkt.

«Wissen Sie, wir machen uns wirklich Sorgen um Nadia. Es wäre daher sehr wichtig zu wissen, was sie hier gewollt hat.»

Bronsky verzieht das Gesicht und zuckt die Achseln.

«Hat sie denn gar nichts angedeutet?»

«Nochmal: Woher soll ich das wissen?»

Es ist zum aus der Haut fahren. Was für ein Spiel spielt Bronsky?

«Haben Sie denn kein Wort mit ihr gewechselt?», wiederhole ich meine Frage. «Sie müssen doch mit ihr geredet haben?»

Er zieht die Augenbrauen nach oben. «Nein, habe ich nicht. Ich war unterwegs. Mutter hat ihr den Motorradschlüssel gegeben und die Kaution angenommen. Ich habe die Frau gar nicht gesehen.»

«Mutter?», entfährt es mir, etwas zu laut und wie ich fürchte auch etwas zu schrill.

Kaum dass ich das Wort ausgesprochen habe, erhebt sich ein kurzer, durchdringender Schrei in der Nähe, vielleicht in einem Nebenzimmer oder im oberen Stockwerk. Er ist zu kurz, um ihn genau lokalisieren zu können. Mir bleibt fast das Herz stehen und vor Schreck fällt mir das Glas aus der Hand und zerschellt am Boden in unzählige Scherben.

„Mutter,“ sagt Bronsky ungerührt. «Jetzt haben Sie sie geweckt.“

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