ZWEI: Ein purpurnes Wispern

Freitag, 20. September 2019, 19 Uhr 37

Kapitel 2

Die Zeichen waren eindeutig. Es fing schon mit dem Wetter an. Seit Tagen strichen Regenwolken matronenhaft über das Land und gestern Nacht hatten sich die Schleusen zum ersten Mal geöffnet. Heute, bei Beginn seines Bereitschaftsdienstes am Abend, war ein Gewitter heraufgezogen und es goss erneut wie aus Kübeln.

Und dann die Sache mit dem Schweinefleisch in würziger Fischsoße. Also nicht das Essen selbst, das duftete verlockend. Es war der Anruf, den Staatsanwalt Conrad L. Weis (Conrad mit C, das war ihm ebenso wichtig wie das L am Anfang seines Mittelnamens, von dem in der Behörde niemand etwas ahnte) sich genötigt sah, entgegenzunehmen. Der Apparat hatte nicht aufgehört zu klingeln, als der Wachmann ihm das Essen in sein Büro stellte. Der Lieferdienst hatte es an der Pforte abgestellt. Seit seine Frau in der Volkshochschule einen Kurs für die vegane Küche besuchte, waren die Bereitschaftsdienste kulinarische Rettungsinseln.

Jetzt musste er das Essen stehenlassen und die neuen italienischen Lederschuhe konnte er nach dem Einsatz wegschmeißen.

Kein lässiger Bereitschaftsdienst vor dem Fernseher im Besprechungszimmer, mit der einen oder anderen Alibiakte. Stattdessen ein Außeneinsatz.

«Sie müssen sich das selbst ansehen, Herr Staatsanwalt,» hatte der Bereitschaftspolizist erklärt.

«Machen Sie sich nicht lächerlich. Ein stinknormaler Verkehrsunfall. So hört sich das für mich jedenfalls an. Was soll ich da ausrichten?»

Zu dumm, dass er bereits die eine Ecke der Aluverpackung angehoben hatte. Es roch verführerisch.

Was sollte schon passiert sein? Einer dieser verrückten Raser, der sich um einen Baum gewickelt hat. Keine Sache, die die Anwesenheit eines Staatsanwaltes erforderte. Kaum auszudenken, zart geschmortes Schweinefleisch gegen einen Unfalltoten zu tauschen. Und dann dieses Knoblaucharoma. Unmöglich. War der Beamte am anderen Ende der Leitung etwa übergeschnappt?

«Kein schöner Anblick,» startete der Mann einen neuen Versuch. «Das war kein Verkehrsunfall.»

«Was soll das heißen?»

«Die Verletzungen sind atypisch.»

Hah, dachte Weis, auf der Polizeischule beim Thema Ablauf der Ermittlungen gepennt, aber mit Fremdwörtern um sich schmeißen. Atypisch? So ein Schwachsinn.

«Welche Verletzungen?»

«Eine Schnittwunde am Hals…»

«Was sagt der Gerichtsmediziner?»

«Der ist noch unterwegs.»

Weis drückte die Ecke der Aluverpackung wieder zu. Das war ja die reinste Folter, das Essen vor der Nase und diesen Vollpfosten in der Leitung. Wo war der bloß ausgebildet worden?

«Dann warten wir besser, bis er sich die Sache angesehen hat. Ich meine, was soll das schon heißen, eine Schnittwunde am Hals? Ihm wird ja wohl kaum die Kehle aufgeschnitten worden sein.»

Weis lachte, weniger über seine scherzhafte Bemerkung, als vielmehr angesichts der Erwartung, dass er das Schweinefleisch doch noch würde vertilgen können. Bis der Mediziner den Unfalltoten untersucht hatte, wäre genug Zeit vergangen und am Ende würde er nur bestätigen, dass alles falscher Alarm war.

«Doch!»

«Wie ‹doch›?»

«Ihm wurde die Kehle aufgeschnitten.»

«Jetzt machen Sie mal halblang. Das können Sie doch gar nicht beurteilen.»

Der Polizist schwieg. Wurde auch Zeit, dass der Kerl zur Vernunft kam. Er schwieg nur nicht lange genug.

«Es ist wirklich besser, wenn Sie persönlich herkommen würden, Herr Staatsanwalt.»

Weis riss der Geduldsfaden.

«Sie sagen mir auf der Stelle, weshalb meine Anwesenheit notwendig ist, oder…»

Weis brüllte so laut, dass sie ihn im Stockwerk darunter und auf dem Hof hören konnten. Unterzucker! Er war im Unterzucker. So viel hatte sogar seine Frau in dreißig Jahren Ehe begriffen, dass er im Unterzucker besser nicht gereizt werden sollte. Er war so richtig in Fahrt und trotzdem gelang es diesem Einfaltspinsel von einem Dorfpolizisten ihn mit einem einzigen Wort im wahrsten Sinne abzuwürgen.

«Totenbruck.»

Als habe er einen Faustschlag erhalten, holte Weis Luft und hielt den Hörer mit zittriger Hand am Ohr.

Totenbruck. Der Name allein ließ die meisten Menschen erschaudern. Und diejenigen, die die Geschichte des Ortes kannten, wurden bei der Erwähnung von einem kalten Schaudern ergriffen. Weis war für diese banalen Gefühle unempfänglich. Sein Schrecken wurzelte tiefer. Er war nicht bereit, sich der Verantwortung erneut zu stellen. Er war vorgewarnt worden. Aber jetzt schienen sich die Ereignisse zu überstürzen.

Lange her die Sache. Siebenundzwanzig Jahre. Weis wusste es genau, nicht nur, weil es das Jahr gewesen war, in dem er in der Staatsanwaltschaft angefangen hatte. In der Behörde hatte niemand den Fall vergessen.

Weis hatte erst kurz zuvor das Staatsexamen bestanden und war noch in der Anlernphase gewesen. Noch kein einziger Sitzungsdienst. Er erinnerte den Augenblick nur allzu gut, als der Name des Ortes in die Behörde drang.

Totenbruck. Eine Kinderleiche im Wald vor Totenbruck. Ein Waldstück, das für seinen Pilzreichtum berühmt war. Der Polizeifotograf war der erste, der vom Tatort zurückkehrte, um die Bilder abzuliefern. Weis sah ihn nie wieder, keiner sah ihn je wieder. Der Mann gab nicht nur die Bilder ab, sondern quittierte augenblicklich den Dienst.

Und dann der ermittelnde Staatsanwalt. Weis kannte den erfahrenen Kollegen gut, dem der Fall übertragen worden war. Er hatte bei ihm gelernt, war mit ihm per du. Lockerer Typ. Ganz ungewöhnlich für diese Staatsanwaltschaft, die sich auf ihren Ruf als unerbittliche Anklagebehörde etwas einbildete. Der lebenslustige Jurist stürzte am Morgen des ersten Prozesstages aus dem Fenster im fünften Stock des Gerichtsgebäudes. Weis hatte noch kurz zuvor mit ihm gesprochen. Der Mann fiel direkt vor die Füße einer Schulklasse, die einen Ausflug zum Gericht machte. Der Prozess musste ohnehin verschoben werden, da in der Nacht einer der Angeklagten Selbstmord begangen hatte. Er hatte sich Klopapier in den Mund gesteckt, bis er daran erstickte.

«Ich komme,» sagte Weis und legte auf. Er blieb einen Moment sitzen, um sich zu sammeln. Es war etwas geschehen und er hatte es nicht heraufziehen sehen. Das war sein einziger Gedanke. Seit dem gewaltsamen Tod seines Vaters war er nicht mehr in dem Ort gewesen. Er warf das Essen in den Mülleimer und eilte zu seinem Wagen.

Ein Unfall. Ein normaler Unfall, redete er sich ein. Ein bloßer Zufall. Er durfte sich nicht selbst verrückt machen. Es lag alles nur an dem Unterzucker. Aber, an Essen war nicht mehr zu denken. Er brauchte Gewissheit.

Er gab den Ort nicht in sein Navi ein. Er kannte den Weg. Das Navi würde den Ort ohnehin nicht kennen. Die Welt machte, so gut es ging, einen Bogen um Totenbruck. Selbst bei diesem Mistwetter verfuhr er sich nur an einer einzigen Abzweigung und merkte es zum Glück nach wenigen hundert Metern. Zum Glück? Er lachte bitter. Das Glück hatte ihn verlassen, als er zu diesem Dienst eingeteilt worden war.

Er setzte zurück und lenkte den Wagen auf die Abfahrt. Eine Ahnung durchfuhr ihn. Der entflohene Häftling! Dieser durchgeknallte Polizistenmörder, der vor einigen Tagen aus der Irrenanstalt entflohen war. Natürlich. Wenn seine schlimmsten Befürchtungen zutrafen, dann steckte dieser Bursche hinter der Sache. Zu dumm, dass er die Meldung ignoriert hatte. Dabei war er einer der wenigen, die wussten, dass der Mann der Sohn des Sektenführers war, der in seiner Zelle Selbstmord begangen hatte. Es hieß, der Entflohene habe versucht einem Polizisten, der damals an der Festnahme der Sektenmitglieder beteiligt gewesen war, das Herz bei lebendigem Leib herauszuschneiden. Naja, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, obgleich Weis nicht nach Sarkasmus zumute war und er der Letzte war, der über diesen Umstand lästern durfte. Das fehlte noch, dass diese Angelegenheit mit dem verrückten Polizistenmörder zusammenhing. Sollte der Kerl hinter der Sache stecken, dann hatte Weis ein erhebliches Problem.

Der Staatsanwalt verwarf den Gedanken. Drehte er jetzt etwa durch? Er hatte sich von der Nervosität des Polizisten anstecken lassen. Das war alles.

Die Wolkendecke war aufgebrochen. Der Regen hatte nachgelassen, nur am Horizont zuckten vereinzelte Blitze. An der Unfallstelle war Weis trotzdem schon nach wenigen Augenblicken bis auf die Haut durchnässt.

«Es ist gut, dass Sie sich persönlich ein Bild von dem Tatort machen,» erklärte Polizeihauptmeister Beck, als er Weis zum Autowrack führte.

Weis ging die eine oder andere Verwünschung durch den Kopf, stattdessen erwiderte er: «Faseln Sie nicht von einem Tatort, solange ich Ihnen das nicht gestattet habe.»

Es war noch eine gute halbe Stunde bis Sonnenuntergang, aber der Polizist hielt die Taschenlampe schon parat. Er war ungefähr Mitte Dreißig und etwas dicklich, seine rotbraunen Haare und die gut durchblutete Gesichtshaut waren ein Hinweis auf seine bäuerlichen Vorfahren, die über Jahrhunderte hier dem Moor ihre Felder abgerungen hatten. Weis kannte die Burschen nur zu gut. Beck fuhr sich immer wieder nervös mit der flachen Hand über den Mund. Normalerweise konnte der Staatsanwalt solche Ticks nicht ausstehen, aber jetzt achtete er gar nicht weiter darauf. Stattdessen konzentrierte er sich auf alle Zeichen, die eine Verbindung zu dem Ritualmord an dem Jungen nahelegten. Er hatte schon lange nicht mehr gebetet. Nicht, dass ihm der Gott seiner Kindheit und Jugend nichts bedeutete, ganz im Gegenteil, der Staatsanwalt achtete seine Religion. Während er mit dem Polizisten durch den morastigen Boden stapfte, schickte er bei jedem Schritt ein Stoßgebet, dass sich alles als Zufall entpuppen möge.

Der Unfallwagen war ein kleiner älterer Kombi einer ausländischen Marke. Das Auto war gegen einen Baum geprallt. Die Front war nur leicht eingedellt. Das war kein Unfall, der einen Fahrer umbringen würde, selbst wenn der Typ nicht angeschnallt gewesen war. Dennoch hing der Mann mausetot über dem Lenkrad. Die Augen starrten auf das Armaturenbrett, als könnte er sich sein Ableben ebenfalls nicht erklären.

Weis hatte schon in so manchem Kapitalverbrechen die Anklage vertreten, die übelsten Obduktionsfotos gesehen, aber der Anblick schickte ihm einen kalten Schauer über den Rücken. Jetzt gab es kaum noch Zweifel.

«Konnte der Tote schon identifiziert werden?»

Die Leiche des untersetzten Mannes zeigte auf den ersten Blick keine Verletzung. Abgesehen von einer Menge Blut, die sein einst weißes T-Shirt wie eine missglückte Batikarbeit getränkt hatte, sah er aus, als würde er sich einfach nur ausruhen.

«Wir haben die Papiere, die wir bei ihm gefunden haben bereits abgeglichen. Es handelt sich um einen gewissen Sebastian Kolev, zweiunddreißig Jahre alt. Von Beruf Journalist oder besser gesagt Blogger.»

«Blogger?»

«So eine Art Internetjournalist, der einen Blog betreibt.»

«Komische Zeiten, in denen jemand damit sein Geld verdient», antwortete Weis. Er hatte den Namen schon gehört. Der Journalist hatte über die Sekte berichtet, doch das behielt er für sich.

Beck holte einen Kugelschreiber hervor und deutete auf einen langgezogenen Schnitt am Hals, der in den Schatten auf den ersten Blick wie ein straff anliegendes Halstuch wirkte.

«Sauber von Ohr zu Ohr. Muss innerhalb weniger Sekunden verblutet sein. Aber…»

«Aber was?»

Weis biss sich auf die Unterlippe. Es war nicht gut, dass er sich seine Nervosität anmerken ließ, indem er Beck unterbrach.

Der Polizist schluckte, fuhr dann aber fort:

«Im Fußraum findet sich kein einziger Tropfen. Er kann also kaum im Auto getötet worden sein.»

Weis machte eine wegwerfende Handbewegung. Er merkte selbst, dass er fahrig wirkte. Er wollte nur endlich Gewissheit, dass Totenbruck hier keine Rolle spielte. Nicht jetzt. Noch nicht. Er war noch nicht soweit. Es sah nur nicht so aus, als würde sich sein Wunsch erfüllen.

«Was ist mit dem Airbag?»

«Hat nicht ausgelöst. Wir untersuchen das noch. Aber, da ist noch etwas.»

Beck ging auf die Knie und beugte sich soweit vor, dass er unter das Fahrzeug blickte. Weis blieb stehen.

Als Beck irritiert zu ihm aufsah, ging er wenigstens in die Hocke. Wenn unter dem Auto nicht eine weitere Leiche lag, würde er sich in dem Dreck nicht auch noch die Hose versauen.

«Also, was ist?»

«Der Boden.»

Jetzt fing Beck schon wieder mit dieser Geheimniskrämerei an. Weis hatte keinen Nerv dafür und das lag längst nicht mehr an seinem Unterzucker. Er beugte sich gerade so weit vor, dass er den grasbewachsenen Boden unter dem Wagen erkennen konnte. Dann begriff er.

«Trocken!»

«Genau. Es hat seit gestern immer wieder geregnet. Das Auto steht nicht erst seit heute hier.»

«Wer hat den Wagen entdeckt?»

«Er ist einem Segelflieger aufgefallen, der von dem Gewitter überrascht wurde und nach einem Landeplatz Ausschau hielt.»

«Da kann er hier lange suchen.»

«Ist auch erst in Bröckelbeck runtergekommen. Hat dann aber sofort Meldung gemacht. Nicht auszudenken, wann der Wagen sonst entdeckt worden wäre.»

Weis wusste genau, worauf der Polizist anspielte. Totenbruck war ein Dorf, um das die Menschen einen Bogen machten und die Einwohner selbst verließen den Ort so gut wie nie. Waren praktisch Selbstversorger.

«Der hätte hier bis zum jüngsten Tag vermodern können», brachte Weis ihrer beider Gedanken auf den Punkt. Und wenn er an das Schweinefleisch in Fischsoße dachte und vor allem an seine Befürchtungen, was dieser Fall alles aufwühlen würde, dann wäre ihm das auch lieber.

Weis und Beck erhoben sich.

«Der Wagen ist übrigens nicht auf den Toten zugelassen.»

«Sondern?»

Beck hob den Arm und winkte einen Polizisten herbei, der unter der Innenbeleuchtung seines Einsatzwagens etwas auf einem Klemmbrett notierte. Während der andere Polizist näher kam, fuhr Beck sich erneut über den Mund. Weis hätte ihm seine Hand am liebsten hineingestopft. Er hatte genug gehört. Er brauchte keine weiteren Überraschungen.

«Ah’ Neumann, haben Sie die Zulassungsdaten abgeglichen?»

«Ich warte noch auf die Bestätigung aus der Zentrale.»

«Aber wir haben doch bestimmt schon einen Namen?», drängte Beck.

Der andere Polizist verzog das Gesicht und vermied es, Weis in die Augen zu blicken.

«Noch nicht. Wir wissen nur, dass auf den Toten überhaupt kein Fahrzeug zugelassen ist. Er hatte nicht mal einen Führerschein.»

«Na, die Anzeige wegen Fahrens ohne Fahrerlaubnis hat sich wohl erledigt», versuchte Beck eine scherzhafte Bemerkung und presste die Lippen gleich wieder aufeinander, als keiner darauf einging. Der Staatsanwalt hatte gar nicht hingehört. Er war mit den Gedanken ganz woanders.

«Ist das hier die Stelle, an der der Junge damals gefunden wurde?»

Beck nickte.

«Ich bin mit ihm zur Schule gegangen,» erklärte Beck. «Tim Strohm. Hat uns alle ziemlich mitgenommen die Geschichte damals.»

Weis wusste nicht, was er darauf antworten sollte und war dankbar, als Neumann zu ihnen trat und die unangenehme Situation beendete.

«Hinter dem Baum beginnt die Senke», erklärte er. «Ist auch heute noch ein Geheimtipp für Pilzsammler.»

«Halten Sie die Klappe,» fuhr Weis ihn an. Er ging zurück zur Straße. Wenn er genau hinsah, dann konnte er das Ortsschild in der rhythmischen Reflexion des Blaulichts erkennen.

Totenbruck.

Kein einziges Haus zu sehen. Die Bebauung begann erst Kilometer hinter dem Schild. Der Ort hat sich noch nie gerne gezeigt. Und niemand wollte etwas von dem Ort wissen. Er hat sich versteckt und er wurde versteckt.

In einer Bucht am Straßenrand war eine Bank aus buntem Plastik vor einem Tisch aus demselben Material aufgestellt. Unfassbar, dass dieser Rastplatz ausgerechnet hier belassen wurde. Im Moment war Weis aber dankbar, sich hinsetzen zu können.

Beck und Neumann folgten ihm mit etwas Abstand.

«Die Bestätigung durch die Zentrale kann nicht mehr lange dauern», sagte Beck, als sie sich neben die Bank stellten.

Da klingelte ein Handy. Beck drehte sich zu dem anderen Polizisten um. «Nun gehen Sie schon ran, Neumann.»

Neumann machte ein verdutztes Gesicht, als habe er selbst erst jetzt realisiert, dass in seiner Hosentasche ein Telefon klingelte.

«Ja?» Er zog angestrengt die Augenbrauen zusammen. «Ich kann dich kaum verstehen. Die Verbindung hier ist sehr schlecht.»

Dann flüsterte er in Richtung von Weis und Beck:

«Die Zentrale.»

«Ein Wunder, dass wir hier überhaupt ein Netz haben,» versuchte Beck eine Erklärung für die schlechte Verbindung, doch Weis wusste nur zu gut, dass die Mobilfunkunternehmen ebenfalls einen Bogen um diesen Ort machten.

«Du musst deutlicher sprechen…» Neumanns zog angestrengt die Augenbrauen zusammen.

«Einen Moment. Ich gebe das rasch weiter.»

Er ließ die Hand mit dem Handy sinken.

«Das Fahrzeug ist auf eine gewisse Kosra Borg zugelassen.»

«Kosra? Was ist das denn für ein Name?», erwiderte Beck.

Weis schwieg. Er kannte den Namen und nicht nur wegen seines ungewöhnlichen Klangs. Der Fall lag drei Jahre zurück. Eine Kosra Borg war niedergestochen worden. Der Täter wurde von einem Sondereinsatzkommando erschossen. Da hatte es gleich wieder eine Diskussion über den Schusswaffeneinsatz der Polizei zur Folge gehabt. Unfassbar, sollten sie einen Mann, der gerade eine Frau niedergestochen hatte, etwa in den Arm nehmen und streicheln? Weis zwang sich in die Gegenwart zurück, der Schlamassel hier war groß genug.

Eine Stimme quäkte aus dem Telefon und Neumann drückte es augenblicklich an sein Ohr.

«Wiederhole das bitte noch mal! Ich meine, wir haben den Staatsanwalt hier.» Er warf einen unschlüssigen Blick zu Weis.

Neumann führte das Handy wieder an sein Ohr, lauschte und hielt es diesmal nur ein Stück weg, als er wiederholte, was die Zentrale ergänzt hatte.

«Eine Rechtsanwältin. Sie wurde vor drei Jahren von einem Mandanten erstochen.» Neumann beendete das Gespräch und steckte das Handy wieder ein.

«Erstochen? Vor drei Jahren?», entfuhr es Beck. «Wie kann das sein?»

Der Staatsanwalt Conrad L. Weis grübelte. Er hatte sich längst an den Fall der Rechtsanwältin erinnert. Er erhob sich nach einem Moment des Schweigens. Er wusste, dass es schlimmer gekommen war, als er befürchtet hatte. Bevor er Neumanns Bericht kommentieren konnte, entfuhr es Beck:

"Wenn diese Kosra Borg seit drei Jahren tot ist, wie kommt dieser Kolev dann an ihren Wagen?"

In diesem Augenblick hörten sie den Schrei.

1 Kommentar

  • Eigentlich halte ich es für gewagt, mit einer Kindstötung zu beginnen. Gleichwohl macht dieses Kapitel 2 Lust auf weiter lesen. Der Horror blitzt schon langsam durch. Auch finde ich den eingestreuten Humor als angenehm, weil nicht aufdringlich.

    Selbstmord mit Klopapier, so unwahrscheinlich und skurril das auch klingt, denke ich, ist recherchiert. Aber “Schweinefleisch mit Fischsoße“ von einem Lieferservice – gibt es das wirklich ?

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© 2019 Andreas Riehn
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