Kapitel 19

Sein Auto steht auf einer Zufahrt neben dem Hotel. Also, was man als Auto bezeichnen möchte. Mein Adoptivvater hätte die Karre Einkaufswagen mit Hilfsmotor genannt.

Ich nenne es eine Sardinenbüchse. Italienisches Modell. Es ist so eng, dass er mich jedes Mal berührt, wenn er schaltet. Ich glaube nicht, dass er das mit Absicht macht. Eine so plumpe Anmache passt nicht zu ihm, es sei denn, ich täusche mich gewaltig in ihm. Falls das der Fall ist, macht er das mit den kurzen Berührungen sehr geschickt.

Diese Doris Kapp, die Besitzerin des Hotels, hat er mustergültig um den Finger gewickelt, um die Adresse dieses Theo Bronskys in Erfahrung zu bringen. Mit mir hat sie kein Wort wechseln wollen. Was ich mit Vagts gemacht hätte, hat sich mich gefragt. Der wäre ganz durch den Wind gewesen, als er zurückgekehrt sei. Und das Fleisch von Bauer Lührs habe er vergessen. Und das wo heute Saures Herz auf der Karte stünde.

Wir verlassen, den Angaben Kapps folgend, den Ort. Es ist nicht die Straße, die ich heute Morgen mit Vagts genommen habe. Mir ist es recht. Ich verspüre keine Lust, noch mal am Haus des Doktors vorbeizufahren und an seinen an einem Strick baumelnden Körper denken zu müssen.

Habe ich gerade gesagt, wir verlassen den Ort? Eigentlich muss ich sagen, wir verlassen den bebauten Teil, denn da ist wieder nirgendwo ein Ortsausgangsschild. Totenbruck scheint keinen Ausgang zu besitzen.

Wir fahren auf einer schmalen, kurvigen Straße. Ich habe ganz vergessen, wie ich es hasse, Beifahrerin zu sein, bin aber zum ersten Mal froh, heute noch nichts gegessen zu haben. Sein Auto wirkt aufgeräumt, ganz anders als mein Wagen und er hat einen von diesen entsetzlichen Duftbäumen am Rückspiegel befestigt. Das Ding ist glücklicherweise uralt, ausgeblichen und vertrocknet. Der riecht nach gar nichts mehr.

«Wieso schreiben Sie eigentlich über diesen ekelhaften Ort,» will ich von ihm wissen.

«Genauso gut könnte ich Sie fragen, was Sie hierher verschlagen hat? Sie werden ja wohl kaum auf der Suche nach verunglückten Motorradfahrern gewesen sein.»

«Wie meinen Sie das?»

«Naja, machen das amerikanische Anwälte nicht so? Opfer suchen, um ein lohnendes Mandat an Land zu ziehen?»

«Das müssen ausgerechnet Sie sagen. Kennen Sie den Film ‹Reporter der Hölle›?

«Der Film heißt ‹Reporter des Satans›,» korrigiert er mich. «Kirk Douglas in der Rolle des talentierten und ehrgeizigen Journalisten. Der Vergleich gefällt mir.»

«Ein Journalist der über Leichen geht.»

«Jetzt machen Sie aber mal einen Punkt. Wir wollen Nadia Westhoff retten. Schon vergessen?»

So wie er das sagt, klingt es wie ein Abenteuer und ich beginne zu zweifeln, ob es eine gute Idee war, sich auf Kolev einzulassen. Andererseits sind wir nun schon auf dem Weg zu Theo Bronsky. Zu dem Mann, der Licht ins Dunkel bringen könnte. Was bringt es, Kolevs Motive oder seine bisweilen naive Art zu hinterfragen?

«Ich war auf dem Weg zu einem Mandanten."

«Um die Uhrzeit? Und seit wann machen Anwälte Hausbesuche?»

Ich erzähle ihm von meiner Arbeit in der anwaltlichen Telefonberatung und dass es mich den Job kosten könnte, wenn ich einen wichtigen Versicherungsnehmer versetze.

«Naja, mein Job hat sich wahrscheinlich ohnehin erledigt, nachdem ich den Mann habe sitzen lassen.»

«Nun, Sie haben doch eine gute Entschuldigung, immerhin wurden Sie…»

Er führt den Satz nicht zu Ende, vielleicht falle ich ihm auch ins Wort, als ich erwidere: «Bis jetzt hört sich meine Geschichte für Außenstehende doch eher so an, als hätte ich einen Flatsch am Paddel.»

Kolev lacht.

«Einen was?»

«So hat das mein Vater immer genannt, wenn jemand nicht ganz richtig im Kopf ist.»

Grinsend wiederholt Kolev meine Bemerkung.

Einen Flatsch am Paddel.

Jetzt lachen wir beide.

«Muss ein kluger Mann gewesen sein, ihr Vater.»

Mein Adoptivvater.

«Er ist der Grund, weshalb ich Jura studiert habe.»

Im ersten Augenblick kann ich nicht fassen, dass ich darüber spreche. Ich erwähne die Geschichte so gut wie nie, da es mir nicht leichtfällt, darüber zu sprechen und gegenüber Unbekannten oder Menschen, die ich noch nicht lange kenne, habe ich es noch nie einfach so erwähnt. Dieser Teil meines Lebens eignet sich nicht für Smalltalk. Normalerweise handle ich den Grund meiner Berufswahl floskelhaft ab, denn die wahren Motive gehören zu den intimsten und prägendsten Erfahrungen meines Lebens, zum Kern meiner Persönlichkeit und genau das ist es. Das ist der Grund, weshalb ich es erwähne. Ich muss mich meiner Persönlichkeit versichern. Ich muss im Innersten spüren, dass ich Kosra Borg bin, selbst wenn dazu kein Anlass mehr besteht. Ich weiß jetzt, wer Nadia Westhoff ist.

«Mein Vater war Techniker bei der Bundeswehr,» beginne ich. «Er war für die Wartung von mobilen Radaranlagen zuständig. Haben Sie von den ersten Atombombentests in den USA gehört?»

«Was haben die Tests mit Radaranalgen zu tun?»

«Die Tests fanden in New Mexico statt. Sie haben junge Soldaten auf den Atompilz zulaufen lassen, um zu testen, wie die Nuklearexplosion sich auf sie auswirkt. Von der tödlichen Wirkung der Strahlung hatte die Regierung keine Ahnung, jedenfalls haben sie sich so gerechtfertigt. Genauso wollte niemand etwas von der tödlichen Wirkung der Radarstrahlen gewusst haben. Mein Vater bekam Krebs. Zum Schluss gab es in seinem Körper praktisch kein Organ mehr, dass nicht von einem Tumor befallen war. Aber die Bundeswehr leugnete jeden Zusammenhang mit der Arbeit an den Radaranlagen und verweigerte eine Entschädigung. Eine Anwältin in der Nachbarschaft half uns bei den Klagen, während ich mich in die Thematik einarbeitete, als ich ihr zur Hand ging. Mal gewannen wir eine Instanz, mal verloren wir. Als sich die nächste Niederlage abzeichnete, hatte ich durch meine Mitarbeit in der Kanzlei genug gelernt, um selbständig eine Verfassungsbeschwerde zu formulieren. Wissen Sie, wie viele Verfassungsbeschwerden überhaupt vom Bundesverfassungsgericht zur Entscheidung angenommen werden?»

Er schüttelt den Kopf.

«Fünf Prozent. Meine Beschwerde wurde angenommen. Am nächsten Tag erreichte uns ein Fax der Bundeswehr, dass sie ohne Anerkenntnis einer Rechtspflicht eine Entschädigung zahlen würden, wenn wir die Klage zurückziehen.»

«Und?»

«Mein Vater war in der Nacht gestorben. Eine Woche später schrieb ich mich an der Uni für Jura ein.»

Er wendet sich von mir ab und fixiert einen Punkt am Horizont. Überlegt er sich eine passende Antwort, weil es immer so naheliegt, auf eine solche Geschichte, eine dumme zu geben? Er muss sich keine Mühe geben. Mir ist egal, was er antwortet, ich habe schon alle dummen Erwiderungen gehört. Ich spüre den Schmerz meiner Erinnerung, das ist alles, was mir in diesem Augenblick etwas bedeutet. Schmerz. Meinen Schmerz. Den Schmerz von Kosra Borg.

Rechtsanwältin Kosra Borg.

«Erinnern Sie sich an Tim Strohm?», will er unvermittelt von mir wissen.

«War das nicht der ermordetet Junge, dessen Leiche im Wald gefunden wurde?» Ich erinnere mich, dass er den Namen im Hotelzimmer erwähnte.

«Tim war mein bester Freund. Wir sind zusammen zur Schule gegangen.»

Ich schäme mich, dass ich ihn für einen Möchtegern-Reporter auf der Jagd nach einer blutrünstigen Schlagzeile gehalten habe, obgleich allein die Tatsache, dass er mit dem ermordeten Kind zur Schule ging, noch nichts an seinen fragwürdigen Methoden ändert. Er blinzelt und als wir eine Ansammlung staubiger Schindelhäuser erreichen und das Schweigen zwischen uns unerträglich geworden ist, fängt er an, mir etwas über die Schindelhäuser zu referieren und dass dies früher die Behausungen der Zementarbeiterfamilien waren. Ich vermute, dass er sich dem Schmerz seiner eigenen Erinnerung nicht hingeben will und deswegen ablenkt, während ich den Schmerz brauche, um mich meiner selbst zu vergewissern. Und so koste ich meine bittere Erinnerung aus und höre nur mit halben Ohr hin, was er von der Gründung der Zementfabrik erzählt, von zwei Kaufleuten, die 1864 brachliegendes Land in Totenbruck erwarben und eine Kalk- und Ziegelbrennerei auf dem Gelände errichteten, von dem Zement aus Totenbruck, das angeblich im Sockel der amerikanischen Freiheitsstatue verbaut wurde und von den Bombern, die die Fabrik am Ende des Krieges zu zerstören versuchten und dabei scheiterten.

„Kein Wunder,“ sagt er, „dass die Menschen hier glauben unter dem Schutz einer mächtigen Gottheit zu stehen, nicht wahr?“

Er brabbelt immer noch vor sich hin, als wir etwa fünf Minuten später Bronskys Haus erreichen, das Kolev als ‚Feierabendhaus‘ bezeichnet. Ich halte das erst für einen Scherz, bis Kolev mir erklärt, was es mit einem Feierabendhaus auf sich hat.

„Ein Veranstaltungsort. Von der Fabrik gestiftet, um die abendliche Unterhaltung der Arbeiterschaft zu gewährleisten. Ich meine, als das Haus errichtet wurde, gab es noch kein Fernsehen oder Kino. Da gab es dann eben Tanz- und Kulturveranstaltungen nach dem Feierabend.“

„Kultur? Hier? Übertreiben Sie jetzt nicht ein wenig?“

„Die Hauptsache war, dass die Leute nicht jeden Abend in der Kneipe verbrachten und ihren Lohn versoffen.“

Das Haus ist hässlich. Im ersten Augenblick, vor allem im Gegenlicht der Sonne, würde ich es glatt für eine überdimensionierte, langgestreckte Scheune halten, wenn ich es nicht besser wüsste. Die längliche Holzkonstruktion, deren Dach auf einer Seite eingesackt ist, lässt erst beim Näherkommen Einzelheiten erkennen. Als der Wagen sich auf der staubigen Straße dem Haus nähert, kann ich die umlaufende Veranda erkennen, schließlich eine breite Tür und mehrere Fenster mit schiefen, verwitterten Rollläden.

Das Feierabendhaus ist ein Stück vom Weg zurückgesetzt und so fahren wir auf den letzten Metern über einen Schlammweg und ich mache mir Sorgen, dass wir womöglich stecken bleiben könnten.

Vor dem Haus steht ein Volvo. Das Kennzeichen ist nicht von hier, das weiß ich genau, obwohl ich die Stadt hinter der Buchstabenkombination im Moment nicht erinnern kann.

«Ob das Westhoffs Wagen ist», frage ich Kolev.

«Falls ja, bleibt die Frage, warum sie es gegen ein Motorrad eingetauscht hat.»

Von dem Motorrad, das man angeblich zu Bronsky zurückgebracht hat, ist weit und breit nichts zu sehen.

Kolev bringt seinen Wagen unmittelbar neben dem Volvo zum Stehen.

Ich schlage die Autotür zu, gehe zum Volvo und versuche die Fahrertür zu öffnen. Der Wagen ist verschlossen.

«Aber sich über mich beschweren, dass ich in das Hotelzimmer eindringe. Was sollte das denn werden?»

Ich zucke die Schultern und versuche im Wageninneren etwas zu entdecken, was mir mehr über Nadia Westhoff verraten könnte, wenn es denn überhaupt ihr Wagen ist. Das Auto ist absolut aufgeräumt und sauber. Nur auf dem Rücksitz liegen einige dicke Fachbücher. Ich kann nur einen der Titel erkennen.

Basissymptome und Endphänomene der Schizophrenie

Naja, was habe ich im Auto einer Psychologin erwartet? Es muss ihr Auto sein.

Ich wende mich wieder dem Gebäude zu und registriere eine Bewegung hinter einem der Fenster. Kolev hat einen Block untergeklemmt und eine Art Aktenmappe.

Als wir uns der Treppe nähern, bemerke ich erneut ein Zucken einer vergilbten Gardine am anderen Ende des Gebäudes.

Neben der Tür hängt ein Traumfänger, gelbliche Tierzähne, Federn und seltsam glitzernde Steine und geschnitzte Figuren baumeln davon herab.

Eine der Figuren erkenne ich sofort. Eine Schlange mit Hörnern.

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