Kapitel 18

Eine Weile stehen wir uns schweigend gegenüber wie Kinder, die sich zum ersten Mal begegnen und allein mit sich sind, nachdem die Erwachsenen den Raum verlassen haben. Mir schwirrt der Kopf. Wo bin ich da nur hineingeraten? Und vor allen Dingen, warum bin ausgerechnet ich in diesen Schlamassel geraten? Ich begreife nicht, was ich mit all dem zu tun habe, außer, dass ich zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen bin. Andererseits mache ich es mir zu einfach, wenn ich dem bloßen Zufall die Schuld in die Schuhe schiebe. Weshalb hatte Nadia Westhoff einen Artikel über den Angriff gegen mich bei ihren Unterlagen? Und dann das Datum des aus dem Gästebuch herausgerissenen Blattes. Der Tag des Attentats. Meine Gedanken schießen in alle Richtungen davon, wie Murmeln, die mir aus den Händen geglitten sind. Sie versinken in dem Morast aus Fragen, der sich vor mir auftut.

Ich gehe ins Bad und drehe den Wasserhahn auf. Für einen kurzen Augenblick stocke ich und fürchte eine neue Halluzination, doch es sprudelt klares Wasser in das Becken und kein Blut. Ich spritze mir Wasser ins Gesicht und trinke gierig aus den hohlen Handflächen.

Aus dem Sumpf der Fragen sticht eine Erkenntnis hervor: Nadia Westhoff wurde entführt und wird, so wie es aussieht gefangen gehalten, um an die Identität ihres Patienten heranzukommen. Ich mag mir nicht vorstellen, dass sie ermordet wurde, zumal es nach allem, was ich von Kolev Vortrag begriffen habe, keinen Sinn ergibt. Es sei denn, ihre Peiniger haben die Identität des Patienten mittlerweile aus ihr herausgebracht. Doch das darf einfach nicht sein.

Halte durch, rufe ich in Gedanken Nadia Westhoff zu. Rettung naht.

Als ich den Wasserhahn zudrehe und mir das Gesicht mit dem Handtuch abtrockne, ist mir eines klar: Wir müssen handeln.

„Wir rufen die Polizei“, sage ich zu Kolev, als ich in das Zimmer zurückkehre.

„Ach ja?“, erwidert der Blogger und es ist deutlich, dass er von diesem Vorschlag gar nicht überzeugt ist. „Was wollen Sie denen denn erzählen?“

„Was ich denen erzählen will? Na, Sie sind gut. Wir haben es hier mit einer handfesten Entführung zu tun.“

„Und Sie glauben, das sieht die Polizei genauso? Machen Sie sich nicht lächerlich. Die werden erstmal gar nichts unternehmen und einfach nur abwarten.“

„Dann sollten Sie besser mich reden lassen und ihre kruden Mysterygeschichten für sich behalten.“

Ich bin jetzt klar genug, um mich einer Auseinandersetzung mit Kolev gewachsen zu sehen. Ich erwarte, dass meine höhnische Bemerkung ihn verärgert, stattdessen zieht er nur eine Augenbraue hoch und erwidert: „Wir sollten unsere Zeit nicht auf einer Polizeistation mit überforderten Polizisten verplempern. Bringen wir selbst Licht ins Dunkel.“

„Und, wie stellen Sie sich das vor? Oder fürchten Sie ganz einfach, dass die Polizei Sie ins Visier nimmt, nachdem Sie in dieses Zimmer einfach so eingedrungen sind?“

„Jetzt kommen Sie mir nicht wieder damit. Vorhin an der Rezeption habe ich Sie für Nadia Westhoff gehalten und geglaubt sie wollte sich verleugnen und mich hintergehen.“

„Hintergehen?“

„Ach, ich weiß auch nicht. Ich fürchtete, dass Westhoff nicht länger mit mir zusammenarbeiten wollte. Was blieb mir anderes übrig, als mich zu vergewissern, was hier gespielt wird?“

„Diese Antwort wird die Polizei bestimmt überzeugen“, erwidere ich, zweifelnd, ob mein Sarkasmus uns weiterbringt.

„Jetzt hören Sie schon auf, dauernd von Polizei zu reden. Dafür ist es viel zu früh, solange wir nicht selbst den Spuren gefolgt sind.“

„Welchen Spuren?“

„Der Arzt hat Ihnen doch gesagt, von wem Westhoff das Motorrad entliehen hat.“

„Theo Bronsky?“

„Genau. Vielleicht können wir von ihm erfahren, wohin sie mit dem Motorrad fahren wollte und warum sie es überhaupt ausgeliehen hat. Ich meine, wir wissen nicht, wie sie nach Totenbruck gekommen ist. Wenn sie mit dem Taxi angekommen ist, dann wäre es schon naheliegend, sich ein Fahrzeug zu mieten, doch weshalb ausgerechnet ein Motorrad und warum hat sie nicht bereits einen fahrbaren Untersatz gemietet, um nach Totenbruck zu kommen?“

Seine Fragen sind berechtigt und ich könnte ihnen noch dutzende anfügen, vor allen Dingen, weshalb Westhoff einen Artikel über mich in ihren Unterlagen aufbewahrte. Ich bleibe unschlüssig, ob es nicht besser ist, diesen Fragen von der Polizei nachgehen zu lassen. Kolev meint, dass wir keine Zeit haben, aber vielleicht vergeuden wir wertvolle Zeit, wenn wir die Untersuchung nicht den Profis überlassen. Und warum können wir nicht das eine tun, ohne das andere zu lassen?

„Wir könnten uns aufteilen“, schlage ich daher vor. „Sie machen sich auf den Weg zu diesem Theo Bronsky, versuchen etwas herauszufinden und ich spreche unterdessen mit der Polizei?“

„Was sind Sie nur für eine Anwältin, dass Sie so erpicht darauf sind, die Polizei einzuschalten?“

Ich weiß schon, was er damit sagen will. Die Polizei soll der natürliche Feind des Anwaltes sein und nur derjenige Anwalt ist ein guter Anwalt, der ständig die Konfrontation mit der Staatsgewalt in Form von Richtern, Staatsanwälten und Polizisten sucht. So ein ausgemachter Blödsinn. Ich kenne genug sogenannter Promianwälte, die mit dieser Masche ihre Klienten erst ins Verderben gestürzt haben. Eine Diskussion über das Verhältnis Anwältin und Ermittlungsbehörde wird uns nicht weiterbringen. Außerdem ist es ihm bereits gelungen, den Zweifel in mir zu nähren. Wie wird die Polizei schon reagieren, wenn ich ihnen meine Geschichte erzähle? Werden sie mich überhaupt ernst nehmen? Werden sie die Brisanz der Situation erfassen? Werden sie mich nicht eher für eine verwirrte Person halten, die im Suff vergessen hat, wo sie ihr Auto abgestellt hat? Wenn ich nur einen klaren Gedanken fassen könnte. Vor meinem geistigen Auge erscheint die Unfallsituation der vergangenen Nacht. Die Motorradfahrerin, die verletzt mitten auf der Straße liegt und ich sehe mich, wie ich mich entferne, um, ja, um was zu tun? Um Hilfe zu holen natürlich, doch es kommt mir vor, als lasse ich sie allein, als lasse ich sie im Stich. Nadia Westhoff ist in Gefahr. Sie wurde entführt. Sie wird gefangen gehalten. Die Vorstellung, die Polizei würde wie die Kavallerie ausrücken, um sie zu retten, verblasst. Ist es nicht vielmehr so, dass die bürokratische Sturheit irgendwelcher inkompetenter Behördenmenschen alles nur noch schlimmer machen könnte, solange wir keine weiteren Anhaltspunkte zu liefern in der Lage sind.

„Na schön“, gebe ich nach. „Wo steht Ihr Wagen?“

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