Kapitel 17

Trinken. Es liegt nur daran, dass ich nicht genug getrunken oder überhaupt etwas im Magen habe. Eine bessere Erklärung für meine Halluzinationen fällt mir nicht ein. Außerdem haben mir die Ereignisse der letzten Stunden in Verbindung mit den Geschichten über geopferte Kinder zugesetzt. Kein Wunder, dass ich Trugbilder sehe.

Als ich das Hotel erreiche, gehe ich schnurstracks an der Rezeption vorbei zu meinem Zimmer. Als ich vor der Tür stehe, fällt mir ein, dass ich mir ein Taxi rufen wollte, doch bevor ich mich umdrehe, höre ich Geräusche. Jemand ist im Zimmer.

Ich öffne die Tür.

Es ist der andere Gast. Der Mann, den ich vor meiner Fahrt mit Vagts an der Rezeption getroffen habe und der mich dabei erwischte, wie ich in dem Gästebuch stöberte. Oder ehrlicher gesagt, herumschnüffelte, aber ich will nicht zu streng mit mir sein. Denn er scheint nicht besser zu sein.

Wie war noch sein Name?

Sebastian Kolev.

Jetzt ist er es, der sich ertappt fühlen sollte. Er wühlt in den Papieren auf dem Schreibtisch. Es sind nicht mehr nur Zeitungsartikel, sondern Ausdrucke von E-Mails und andere Dokumente, die ich nicht genau erkennen kann, handschriftliche Notizen, Blätter die aussehen wie behördliche Papiere und unzählige Haftzettel. Er hat die Aktentasche ausgeleert. Sie liegt geöffnet und umgestoßen vor dem Bett. In seinen Händen hält er einen handtellergroßen Notizblock und kritzelt etwas darauf, als ich eintrete.

«Was machen Sie in meinem Zimmer?»

«Ihr Zimmer? Ich dachte, ihr Name sei Kosra Borg. Das Zimmer wurde von Nadia Westhoff gemietet.»

Was soll ich darauf erwidern? Sprachlos bin ich vor allem, weil er überhaupt nicht überrascht ist, dass ich in das Zimmer komme, er ist weder erschrocken noch unangenehm berührt. Fast wirkt es, als habe er mich erwartet.

«Wie sind Sie überhaupt hereingekommen?»

Er hält ungerührt einen Schlüssel hoch. Der Zweitschlüssel. Er grinst. Sofern er nach Worten sucht, dann nicht für eine Rechtfertigung.

Ich trete ins Zimmer und lasse die Tür geöffnet.

«Verschwinden Sie. Woher haben Sie überhaupt…?»

Keine Reaktion. Er grinst mich unverwandt an. Dann legt er den Notizblock auf den Schreibtisch und steckt die Hände tief in die Taschen seiner Jeans. Die Geste soll wohl beruhigend auf mich wirken. Er möchte entspannt rüberkommen, locker und nicht wie jemand, der mir gleich an den Kragen geht. Keine Ahnung. Im Grunde genommen bringt er mich damit nur noch mehr auf die Palme.

«Machen Sie sich nicht lächerlich, es ist keine Hexerei, an den Zweitschlüssel zu gelangen. Sie haben doch selbst gesehen, wie man ungehindert an der Rezeption agieren kann», sagt er nach einer Weile. «Meinen Sie nicht, dass Sie es mit dem Versteckspiel etwas übertreiben?»

«Versteckspielen? Übertreiben? Wovon reden Sie?»

«Kosra Borg? Ist Ihnen kein besserer Name zur Tarnung eingefallen? Allein schon Kosra?! Was für ein Vorname soll das sein? Irgendwas Esoterisches? Ach ja, ich vergaß, Indien.»

Ich bin ihm keine Erklärung schuldig. Aber, was soll’s. Ich ziehe meinen Anwaltsausweis hervor und halte ihn ihm unter die Nase, wie ein Polizist in einer Krimiserie seinen Dienstausweis. Ich komme mir albern und ein wenig kindisch vor. Ich bin selbst überrascht, dass die plumpe Aktion Wirkung zeigt.

Er hört auf zu grinsen. Nimmt den Ausweis, dreht ihn hin und her, hält das silberne Sicherheitsemblem gegen das Licht und streicht dann mit den Fingerspitzen über die Plastikoberfläche.

«Der ist echt», stellt er fest und kommt dabei so dämlich rüber, wie ich mich eben noch gefühlt habe.

Ich nehme ihm den Ausweis ab, stecke ihn ein und schließe die Tür. Sebastian Kolev ist keine Gefahr.

«Natürlich ist der echt.»

«Dann sind Sie nicht Nadia Westhoff? Aber, was machen Sie in ihrem Zimmer?»

Er starrt mich ungläubig an.

Ich muss mich zurückhalten, nicht laut zu seufzen. Wenn ich das doch nur selbst wüsste.

«Die Frage ist eher, was machen Sie in diesem Zimmer und woher kennen Sie Nadia Westhoff?»

Er fängt sich schnell wieder und schon im nächsten Augenblick ist da erneut diese schlaksige Selbstsicherheit, die er im Augenblick unserer ersten Begegnung zum Besten gegeben hatte.

Mein Gott.

Nunja, nicht ganz.
Mein richtiger Name ist eigentlich Sebastian Kolev.

«Wir waren verabredet.»

«Verabredet? So eine Art Blind-Date?»

Er schaut mich verdutzt an.

«Wieso ‹blind›?»

«Nun, Sie wissen offensichtlich nicht, wie diese Nadia Westhoff aussieht, sonst wären Sie nicht auf die Idee gekommen, dass ich es sein könnte.»

«Ja, natürlich. Da haben Sie recht. Nun, ich stand mit ihr bislang nur per eMail in Kontakt. Ich habe also nicht die geringste Ahnung, wie sie aussieht.»

«Denken Sie sich nichts. Sie sind nicht der einzige, der mich mit ihr verwechselt.»

«Sehen Sie ihr ähnlich?»

Tue ich das? Ich habe keine Ahnung. Zumindest haben wir dieselbe Konfektionsgröße, aber das möchte ich diesem Sebastian Kolev nicht auf die Nase binden.

«Vielleicht. Bislang war mir eine Nadia Westhoff allerdings gänzlich unbekannt. Ich weiß es also nicht.»

«Hm», gibt er kurz zur Antwort und dann schweigen wir beide, als wäre dies tatsächlich ein Blind-Date. Wir haben uns gerade vorgestellt, vielleicht sogar schon Hobbys erwähnt und jetzt steht da die Frage im Raum, wie es weitergehen soll und vor allem, ob es überhaupt weitergehen soll. Ich denke, es ist an der Zeit, Klarheiten einzufordern.

«Dafür, dass Sie bislang Frau Westhoff nur per eMail kontaktiert haben, gehen Sie aber ganz schön forsch ans Werk.»

«Wie meinen Sie das?»

«Nun, Sie dringen in ihr Zimmer ein, durchwühlen ihre Sachen.»

«Finden Sie?»

«Na, dass Sie ihre Sachen durchwühlt haben, dürfte ja wohl außer Frage stehen. Hausfriedensbruch nennt man das in meinem Job übrigens. Und das ist strafbar.»

«Brauche ich etwa eine Anwältin?», erwidert er selbstgefällig.

«Sie brauchen vor allen Dingen jemanden, der Ihnen sagt, was sie dürfen und was sie nicht dürfen. Ihre Eltern scheinen da wenig Erfolg gehabt zu haben.»

Seine Mundwinkel zucken und er stutzt, als habe ich einen wunden Punkt getroffen. Das verunsichert mich, weil er bislang auf mich nicht den Eindruck einer Mimose gemacht hat. Eltern können jedoch leicht ein wunder Punkt sein, das weiß ich selbst nur zu gut. Dann ist der irritierende Moment verschwunden und er grinst über das ganze Gesicht. «Ach, kommen Sie, das ist eine Berufskrankheit.»

«Was? Einbrechen? Fremde Sache durchwühlen? Was sind Sie? Berufseinbrecher?»

«Natürlich nicht. Ich bin Journalist. Schriftsteller. Blogger»

«Und was gibt es über diese Nadia Westhoff so zu berichten? Ist sie prominent? Sind Sie so eine Art Klatschreporter? Dann glaube ich Ihnen das mit der Berufskrankheit sofort. Was nicht heißt, dass ich es nicht missbillige.»

Er zieht seine Stirn in Falten und kneift die Augen zusammen.

«Ich betreibe einen Blog. Mystery News. Noch nie davon gehört?»

Einen Blog? Und dann auch noch Mystery News.

Ich schüttele den Kopf.

«Nein.»

"Und Sie sind Anwältin. Sind Sie beruflich in Totenbruck?"

"Und wenn schon", gebe ich patzig zurück. "Was geht Sie das an?"

"Jetzt sagen Sie bloß noch, dass Sie hier Urlaub machen?"

«Wieso? Totenbruck ist doch ein 'anerkannter Luftkurort'?» Ich lege meinen Kopf schief und ziehe die Augenbrauen hoch, was ich instinktiv tue, wenn ich sichergehen will, dass die Ironie meiner Worte als solche erkannt wird. Vielleicht sind ihm die verstaubten Broschüren an der Rezeption gar nicht aufgefallen.

«Ja, so sehen Sie aus. Wie jemand der ausgerechnet hier einen Kurzurlaub macht. Ich verarsche Sie nicht, also sollten Sie das auch nicht mit mir machen.»

Sein unerwartet strenger Ton ärgert mich. Von wegen nicht verarschen, schießt es mir durch den Kopf. Ich bin mir nicht sicher, ob ich ihm vertrauen kann, halte es aber für unverfänglich, ihm meine Erlebnisse der vergangenen Stunden zu offenbaren, wobei ich den Bericht mit dem Tee von Schwester Erika enden lasse und weder den Tod des Doktors, noch das Zusammentreffen mit Sarah und David erwähne.

Kolev lehnt mit den Händen hinter dem Rücken am Schreibtisch und macht ein ernstes Gesicht, als habe ich ihm eine hoch ansteckende Erkrankung gebeichtet.

«Das hört sich nicht gut an», sagt er mit gesenkter Stimme, wie zu sich selbst.

«Aber ganz gewiss nicht», erwidere ich und finde, dass es sich fast etwas salopp anhört, angesichts des Wahnsinns, in den ich geraten bin.

«Nein, ich meine, es ist schlimmer, als ich befürchtet habe.»

«Schlimmer?»

Statt seine Befürchtungen zu konkretisieren, streckt er die Hand aus.

«Darf ich den Ausweis nochmal sehen?»

Ich verdrehe die Augen. Sei’s drum.

«Der ist abgelaufen.»

Er reicht ihn mir zurück und ich stecke ihn erneut ein.

«Das ist jetzt nicht ihr Ernst, oder?»

«Es ergibt keinen Sinn.»

«Wow. Sie sind ja ein richtiger Blitzmerker. Für mich ergibt überhaupt nichts einen Sinn, seit ich in diesem Zimmer aufgewacht bin. Deswegen hätte ich jetzt gerne ein paar Antworten.»

Kolev schaut auf die auf dem Schreibtisch verstreuten Dokumente. Er fährt sich mit der flachen Hand über den Nacken und verdreht den Kopf, als spüre er Muskelverspannungen nach. Sofern er Lässigkeit und Souveränität demonstrieren will, ist die Bewegung vollkommen untauglich. Verwirrung und Nervosität sind ihm ins Gesicht geschrieben.

«Das läuft alles irgendwie aus dem Ruder», murmelt er. «Und das ist kein gutes Zeichen.»

Mir muss er das nicht sagen.

«Also, was ist mit dieser Nadia Westhoff und weshalb haben Sie sich mit ihr hier verabredet?»

Er kaut auf seiner Unterlippe. Von seiner Überheblichkeit ist schon wieder nicht mehr viel übrig.

«Haben Sie eine Ahnung, mit was wir es hier zu tun haben?»

Ich habe natürlich keine Ahnung und frage mich, ob Kolev mir eine Hilfe sein kann.

Er geht ins Bad, lässt Wasser in den Zahnputzbecher ein und trinkt es in einem Zug aus. Ich spüre meinen eigenen Durst.

Wie freundlich von ihm, mir einen Schluck anzubieten, geht es mir polemisch durch den Kopf, aber mein Durst auf Antworten ist brennender als meine trockene Kehle.

«Was wissen Sie über die Vergangenheit des Ortes?», fragt er, als zurück in das Zimmer tritt.

Ich bin kurz versucht, ihm doch von meiner Begegnung mit Sarah zu berichten und was ich von ihr erfahren habe. Ein unbestimmtes Gefühl bringt mich dazu, es nicht zu tun, stattdessen deute ich auf den Schreibtisch.

«Ich habe die Artikel da gelesen,» erwidere ich. Ich erwarte seine Vorhaltung, dass ich ihn nicht kritisieren dürfte, da ich selbst in den Unterlagen geblättert habe. Ich bereite schon meine Verteidigung vor, dass es sich ja nur um die offen ausliegenden Zeitungsartikel handelte und ich, nicht wie er die ganze Tasche durchwühlt habe, doch meine Bedenken sind unbegründet.

Kolev nickt wie ein Lehrer, der die Hausaufgaben abfragt.

«An diesem Ort wird seit Jahrhunderten eine dunkle Gottheit angebetet. Ein Gott, der zu den sogenannten Großen Alten gehört. Ein Gott, der vor Jahrmillionen auf diesen Planten gekommen ist.»

Ich vergewissere mich, dass mir nicht der Mund offen steht. Fast will ich laut auflachen.

«Wird das jetzt so ein Erich-von-Däniken-Alien-Mist?»

«Ich habe nicht gesagt, dass Sie das glauben müssen. Es gehört nur dazu, wenn Sie die Hintergründe verstehen wollen», gibt er zur Antwort und klingt im Widerspruch zu seinen Worten beleidigt.

«Ich will nicht irgendeine dahergelaufene Sekte verstehen, ich will begreifen, in was ich hier hineingeraten bin.»

«Eben und deswegen sollten Sie sich anhören, was diesen Ort geprägt hat.»

«Von mir aus», gebe ich seufzend zur Antwort und verschränke die Arme, weil ich keine Lust auf ein absurdes Ammenmärchen habe und nicht erkennen kann, wie es mir weiterhelfen soll. Wenn es denn unbedingt sein muss, denke ich. Jetzt weiß ich zumindest, weshalb sein Blog ausgerechnet Mystery News heißt.

«Es gibt über die Jahrhunderte belastbare Zeugnisse über die Anbetung eines mystischen Wesens, von denen die Bewohner behaupten, dass es vor Urzeiten vom Himmel, also aus dem All gekommen ist. Ein Sohn des römischen Kaisers Augustes folgte kurz nach der Zeitenwende mit seinen Schiffen einem nahegelegenen Flusslauf und machte auf Höhe des heutigen Totenbrucks eine Erkundungstour an Land. Dabei stießen er und seine Männer auf einen germanischen Stamm, der mit grausamen Ritualen eine Wesenheit anbetete, die nach ihren Erzählungen in den weit verzweigten Höhlensystemen der Gegend hauste und nach Opfern verlangte. Die Römer erschienen ihnen als geeignetes Geschenk für diesen Gott und der Kaisersohn konnte sich und seine Männer im letzten Augenblick unter erheblichen Verlusten zurück auf die Schiffe retten. In den Bibliotheken Roms habe ich mehrere zeitgenössische Darstellungen von Überlebenden einsehen können. Im 18. Jahrhundert sollten königliche Sonderermittler eine unerklärliche Häufung grausamer Mordfälle in den Nachbarorten aufklären. Die Ermittler verschwanden bis auf einen spurlos. Der Überlebende erstattete vor dem König einen derart eindrucksvollen Bericht, dass die Regierung seiner Majestät es verzog keine weiteren Aufklärer herzuschicken, sosehr erschreckte sie der Report. Sie strichen Totenbruck stattdessen aus allen verfügbaren Karten der damaligen Zeit und sprachen etwas aus, was wir heute als Reisewarnung bezeichnen würden.»

«Ich verstehe», unterbreche ich seinen Redefluss, weil ich wirklich der Meinung bin, genug gehört zu haben. «Und vor siebenundzwanzig Jahren sind die Einwohner hier dazu übergegangen ihre Kinder…»

«Sie verstehen gar nichts», fährt Kolev mich an und sein Ausbruch lässt mich einen Schritt zurückweichen. Er zögert kurz und fährt mit ruhiger Stimme fort, als wäre nichts gewesen: «Der Kult war nach dem Zweiten Weltkrieg nahezu verschwunden. Die Nazis waren noch fasziniert gewesen von den Sagen und Legenden, die sich um die Gottheit rankten. Himmler war geradezu besessen und soll selbst mehrere Male inkognito hier gewesen sein, um sich die Höhlen und die Rituale vorführen zu lassen, doch dabei wurden keine Menschen mehr geopfert. Es ging mehr um das Spektakel und Totenbruck zog so seine Vorteile aus der Begeisterung der Nationalsozialisten, aber damit war nach dem Krieg Schluss. Der Kult geriet in Vergessenheit, bis ein gewisser Asmus Troysch, ein Sektenführer aus dem Süden, auf Totenbruck aufmerksam wurde. Er hatte eine Gruppe willfähriger Anhänger um sich geschart, denen er bislang nur keinen passenden Gott anbieten konnte, da seine Jünger mit Jesus und Maria und allen anderen gängigen Religionen schon durch und auf der Suche nach etwas Neuem waren. Da kam Troysch das, was er über Totenbruck und seine dunkle Gottheit in Erfahrung bringen konnte gerade Recht und so wie es ihm vorkam, wurde ihm dieser Gott von den Bewohnern des Ortes auch nicht streitig gemacht.»

Ein gebrauchter Gott, geht es mir spöttisch durch den Kopf, doch ich hüte mich, den Gedanken laut auszusprechen. Kolev scheint mit dem Thema emotional tiefer verbunden zu sein, als es gut für ihn ist. Jedenfalls will ich ihn nicht schon wieder aus der Fassung bringen, bin aber immer weniger davon überzeugt, dass mich sein Volkshochschulvortrag weiterbringen kann.

«Lassen Sie mich raten», sage ich, bemüht meine höhnischen Gedanken nicht durchschimmern zu lassen. «Seine Leute waren hin und weg von dem vakanten Gott.»

«Vakant?» Kolev sieht nicht glücklich aus über meine Wortwahl.

«Unbesetzt, zur Verfügung stehend», erkläre ich, obgleich ich spüre, dass ihm die Bedeutung bewusst ist. Ich erkenne vielmehr, dass mein Spott ihm Unbehagen bereitet.

«So meinen Sie das, nun gut» antwortet er, ohne seine wahren Gefühle durchblicken zu lassen. «So kann man das natürlich ausdrücken. Obwohl es hier immer noch Menschen gab, die die Gottheit anbeteten und den alten Zeiten nachtrauerten. So einer war Oskar Veys, Fabrikantensohn und Erbe des Zementwerkes, das wenige Jahre zuvor geschlossen worden war. Immer wieder hatte er versucht, dem Kult wieder Leben einzuhauchen, doch die Menschen schienen der Anbetung eines urzeitlichen Gottes überdrüssig und durch die Arbeitslosigkeit verließen die meisten Bewohner den Ort. Von Veys erwarb Troysch ein Areal aus dem Grundbesitz der Zementfabrik, auf dem sich ein versteckter Zugang zu dem Höhlensystem befand, also dem Ort, in dem die Gottheit angebetet wurde. Troysch siedelte seine Sekte hier an und unterstützt von Oskar Veys ließ er eine Siedlung errichten.»

«Dann hatten die Einwohner von Totenbruck nichts mit den Ritualmorden zu tun?»

«Bis auf die wenigen, die sich Veys anschlossen, nicht.»

«Wie konnte es überhaupt so weit kommen? Ich meine, es wurde ein Kind ermordet?»

«Veys war in den Papieren seines Vaters auf Unterlagen eines der Firmengründer gestoßen, der zusammen mit einem Geschäftspartner Mitte des 19. Jahrhunderts die Zementfabrik aufgebaut hatte. Der Mann berichtete von der heimlichen Opferung eines Mädchens bei der Grundsteinlegung und führte den enormen Erfolg der Fabrik in den folgenden Jahren auf dieses Opfer zurück. Veys war von dem Gedanken besessen, dass ein erneutes Opfer den vergangenen Reichtum zurückbringen könnte und überzeugte Troysch und seine Leute, ein solches zu wiederholen.»

Eine Beklemmung legt sich auf mich, als wären die Wände des Zimmers von unsichtbaren Fäden weiter zur Mitte gezogen worden. Der Raum erscheint eng und stickig. Ich muss mich zusammennehmen, um nicht kurzerhand Reißaus zu nehmen.

«Ich will das nicht länger hören», protestiere ich. «Das ist doch Wahnsinn. Das hat doch nichts mit dem zu tun, was gerade passiert.»

«Finden Sie? Wir sind noch nicht fertig. Ein Kind wurde getötet. Tim Strohm. Doch dieses Opfer erschien Troysch und seinen Leuten nicht genug zu sein, um Gyamlarhotep gnädig zu stimmen.»

«Gyam…, was?»

«Gyamlarhotep. Das ist der überlieferte Name der dunklen Gottheit.»

«Klingt ägyptisch.»

«Da liegen Sie gar nicht so falsch», platzt es erneut oberlehrerhaft aus ihm heraus. «Es wird vermutet, dass ein ägyptischer Priester ungefähr neunhundert Jahre vor Christus…»

«Oh, bitte», stoppe ich seinen einsetzenden Redefluss. «Wir waren doch schon im 20. Jahrhundert angekommen.»

Ich frage mich, ob ihm der Tod dieses Kindes nahegeht oder es sich dabei nicht bloß um einen lästigen Fleck auf dem Objekt seiner Recherche handelt.

«Ja, natürlich», sagt er eifrig und muss dennoch erst tief durchatmen, um seine Enttäuschung wieder einzufangen. «Nun, es wurde ein weiteres Kind auserwählt und die Zeremonie begonnen, nur dass das Ritual unterbrochen und das Kind gerettet wurde.»

«Nur?»

Er schaut mich verblüfft an. Ich liege offenbar mit meiner Vermutung, dass er eine ungesunde Nähe zu dem Objekt seiner Recherchen pflegt, nicht daneben.

«Glücklicherweise», korrigiert er sich. «Glücklicherweise war ein Polizist zur Stelle. Ein einfacher Verkehrspolizist, der zu einer Routinekontrolle in die Siedlung gekommen war. Ein Zufall, wenn Sie so wollen.»

Er hält kurz inne und horcht, ob mir seine Wortwahl missfällt.

Will ich noch mehr hören? Ich weiß es im Moment selbst nicht. Die Geschichte stößt mich ab. Wie kann er die Tötung von Kindern nur so sachlich und emotionslos betrachten, als recherchiere er in einem Fall von Steuerhinterziehung?

«Irgendwie stieß der Polizist auf den Zugang zur Höhle», fährt Kolev nach einer Weile fort, «und vereitelte ganz allein die Opferung des Kindes. Ein wahrer Held. Finden Sie nicht auch?»

Bei der Erwähnung des Polizisten denke ich sofort an das, was Sarah mir von Davids Vater erzählt hat.

Ein richtiger Held, wenn man bedenkt, dass er einfacher Verkehrspolizist war. Er hat einen von ihnen sogar erschossen, um das Kind zu retten.

Wenn ich an dieses Kind denke, gibt es mir einen Stich. Ich versuche, mir vorzustellen, wie es unbekleidet und zitternd den wahnsinnigen Sektenanhängern ausgeliefert war. Woher will ich wissen, dass es unbekleidet war? Das liegt natürlich an dem Trugbild des Jungen auf der Straße. Dabei kann ich gar nicht wissen, ob es ein Junge oder ein Mädchen war. Ich muss für die grausamen Geschehnisse dieses Ortes empfänglich sein, sonst hätte ich den Jungen nicht imaginiert. Eine bessere Erklärung fällt mir nicht ein. Ein Gespür für die dunkle Vergangenheit, eine Art siebter Sinn. Gibt es ein Gespür für die düsteren Geheimnisse eines Ortes, ein Empfinden für die Grausamkeiten, die begangen wurden? Vielleicht besitze ich ein solches Gespür, ohne es mir bislang bewusst gemacht zu haben. Es würde zumindest meine dunklen Alpträume und Visionen erklären.

«Was hat das alles mit Nadia Westhoff zu tun?»

Kolev richtet sich auf und faltet die Hände vor dem Bauch, als wollte er ein Gebet beginnen.

«Nun, Nadia Westhoff ist Psychologin. Eine anerkannte Kapazität auf dem Gebiet der Traumabehandlung.»

Bevor er weiterspricht, begreife ich. Die Frau ist die Therapeutin des geretteten Kindes. Nur, dass es kein Kind mehr ist, sondern ein Erwachsener; die Ereignisse liegen siebenundzwanzig Jahre zurück.

«Spezialisiert auf Menschen, die in ihrer Kindheit durch schreckliche Ereignisse traumatisiert wurden?», sage ich daher.

«So ist es.»

«Dieses gerettete Kind ist ihr Patient?»

Ich meine das weniger als Frage, sondern eher als Feststellung, brauche aber noch Kolev Bestätigung meiner Vermutung.

«So ist es. Und das ist auch der Grund, weshalb ich Kontakt zu ihr aufgenommen habe. Ich wollte mit ihr über ihren Patienten sprechen und wenn möglich ein Interview mit dem Patienten führen.»

„Deswegen haben Sie ihre Sachen durchwühlt? Sie suchen Hinweise auf den Patienten?“

Ich kann es nicht fassen. Es ist nicht so, dass Sebastian Kolev mir während unserer Unterhaltung sympathischer geworden wäre, aber er hatte zumindest geschickt von meinem ersten Eindruck eines skrupellosen Enthüllungsreporters abgelenkt. Dieser Kredit ist schlagartig verspielt.

«Was denken denn Sie? Ich muss einfach die Identität ihres Patienten in Erfahrung bringen.»

«Haben Sie denn gar keine Hemmungen? Es geht hier nicht um Ihren bescheuerten Blog. Es geht um das Schicksal eines Menschen, der schon genug mitgemacht hat.»

«Ach, kommen Sie, begreifen Sie denn immer noch nicht? Es geht hier doch gar nicht um meine Arbeit. Nicht mehr.«

«So? Um was dann? Und warum recherchieren Sie nicht einfach in den Polizeiakten? Ist sicherlich ein bisschen schwerer, als den Zweitschlüssel eines Hotelzimmers zu klauen, aber ein Mann mit Ihren Fähigkeiten…?!»

Ich bin mir sicher, dass er diesen Spott nicht auf sich sitzen lassen wird und rechne jeden Augenblick damit, dass er ausrastet. Stattdessen dreht er sich zum Schreibtisch um und legt eine Hand auf einen Stapel mit Fotokopien.

«Wenn es nur so einfach wäre. Die Identität des Kindes wurde geheim gehalten. Es ist nicht mal in Erfahrung zu bringen, ob es sich um einen Jungen oder um ein Mädchen handelte. Die Akten sind unter Verschluss.»

«Aber, es hat doch bestimmt einen Prozess gegeben. Da muss das Kind doch ausgesagt haben?»

Jetzt erkläre ich ihm auch noch, wie er seine schmutzige Arbeit zu erledigen hat.

«Der Hauptangeklagte Asmus Troysch hat in der Untersuchungshaft Selbstmord begangen und als der Prozess danach fortgesetzt wurde, haben die weiteren Angeklagten ein Geständnis abgelegt und eine Aussage des Kindes damit verhindert. Natürlich gab es dafür einen Strafrabatt.»

„Was ist mit diesem Veys? Der lebt doch bestimmt noch hier in Totenbruck.“

«Veys war der Mann, den der Polizist erschossen hat. Er wollte als Priester die Opferung vornehmen.“

Jetzt begreife ich.

«Ein Zeugenschutzprogramm. Das Kind wurde mit einem neuen Namen und neuer Vergangenheit ausgestattet.»

«Das steht zu vermuten.»

«Na, dann haben Sie eben Pech gehabt, Kolev. Ich kann Ihnen nicht helfen und wäre Ihnen dankbar, wenn Sie jetzt…»

«Pech hat vor allem Nadia Westhoff, finden Sie nicht?»

Er fährt herum, die rechte Hand zur Faust geballt. Instinktiv blicke ich mich nach einer Verteidigungsmöglichkeit oder einem Fluchtweg um, doch er geht nicht auf mich los. Sein Zorn ist nicht darauf gerichtet, dass ich ihn hinauskomplimentiere.

«Sie kapieren es einfach nicht, oder?»

Was soll ich kapieren? Dass seine schöne Story sich in Luft auflöst und ein traumatisierter Mensch ihm nicht Rede und Antwort stehen muss? Doch dann sehe ich, was er meint: Nadia Westhoff. Die Therapeutin, die als einzige die Identität ihres Patienten kennt.

«Sie meinen doch nicht etwa…?»

«Oh, doch. So einfach lässt sich ein Glaube nicht ausrotten, der über Jahrhunderte, wenn nicht gar Jahrtausende gewachsen ist.»

«Soll das heißen, dass die Sekte noch existiert?»

«Die Sekte? Vielleicht. Oder die Glut, die in diesem Ort fast erloschen war, wurde wieder entfacht. Das ist einerlei. Entscheidend ist das Kind. Wer auch immer heute Gyamlarhotep anbetet, der…»

Ich bringe den Satz für ihn zu Ende oder wir sprechen die Erkenntnis gleichzeitig aus. Jedenfalls ist der Gedanke in meinem Kopf, bevor seine oder meine Lippen ihn aussprechen.

«… will das Opfer vollenden, dass damals vereitelt wurde.»

Und Nadia Westhoff ist der Schlüssel zu diesem Opfer.

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