Kapitel 16

«Haben Sie sich verlaufen?»

Nachdem er das Motorrad abgestellt und den Motor ausgeschaltet hat, stellt David sich mit diesem Satz zu uns. Also nicht zu uns, sondern zu Sarah. Er legt ihr nicht den Arm um die Schulter, er küsst sie nicht, ja er sieht sie noch nicht einmal an. Er sagt nur diesen an mich gerichteten Satz.

«Er ist nicht immer so ein Trottel,» sagt Sarah und als er nicht reagiert, wäre ich fast der Vorstellung verfallen, dass diese Frotzelei zu ihrem üblichen Umgang gehört, eine nette Schrulle unter Liebenden, auch wenn sie für solche Eigenarten eigentlich noch viel zu jung sind. Sein Blick verrät mir, dass dem nicht so ist, dass sein Stich schon mir galt, mir ganz allein und dass er treffen sollte.

Ich habe das schon häufiger bei Männern erlebt, insbesondere jungen Männern, dass sie rasch eifersüchtig sind auf die beste Freundin oder eine andere Frau, mit der sich ihre Partnerin offenbar zu intensiv beschäftigt. Ich habe es nur noch nie so abrupt, so unvermittelt erlebt. Ich kann mir nicht erklären, wie ich der Grund für diese Boshaftigkeit sein kann.

«Sie ist gestolpert und hat mich um einen Schluck Wasser gebeten», erklärt Sarah, obgleich es nicht ganz der Wahrheit entspricht, aber vielleicht hat sie tatsächlich die Sache mit dem Handy vergessen.

Sie stellt uns nicht weiter vor. Ich weiß ja, mit wem ich es zu tun habe, ich habe nur diese Gehässigkeit nicht erwartet, ganz im Gegenteil. David ist an meinem Namen ohnehin nicht interessiert. Ich habe mir nach der Geschichte über seinen Vater einen verletzlichen, sensiblen Menschen vorgestellt, aber die Last dieser Ereignisse kann natürlich auch dunkle Charakterzüge hervorbringen.

Es ist ja auch eine grausame Geschichte. Eine Sekte, die Kinder quält und umbringt, um sich einem grausamen Gott gefügig oder jedenfalls ergeben zu zeigen. Die Geschichte hat begonnen, eine seltsame Faszination auf mich auszuüben, vielleicht, weil sie mich etwas von meinen Grübeleien ablenkt. Auf der anderen Seite habe ich aber auch begonnen, mich zu fragen, ob meine Erlebnisse an diesem Ort etwas mit den Ereignissen vor weit über zwanzig Jahren zu tun haben könnten? Letztlich erscheint mir diese Überlegung vollkommen abwegig, eigentlich nur ein weiterer Beweis, wie leicht ich mich offenbar selbst in eine Paranoia hineinsteigere. Im Grunde genommen ist es gar nicht erforderlich, mir Blätter mit kryptischen Namen zuzustecken, um mich zu verunsichern, oder meine Initialen in den verwitterten Grabstein auf einer alten Zeichnung zu kritzeln.

«Ich wollte ohnehin gerade gehen», sage ich. «Vielen Dank für das Wasser.»

Ich fühle mich tatsächlich besser. Das kurze Gespräch mit Sarah hat mich mehr erfrischt, als das Wasser, auch wenn wir über eine düstere Vergangenheit gesprochen haben. Allein ihre unverkrampfte, offene Art hat mich daran erinnert, dass ich mich auf gar keinen Fall unterkriegen lassen werde, egal welches Spiel mit mir gespielt wird. Es wird Zeit, diese wiedererlangte Energie in die Tat umzusetzen und… Ja, was? Abzuhauen? Zu flüchten? Klein beizugeben? Ich weiß es nicht. Ich weiß vor allen Dingen nicht, wie ich es mit einem Gegner aufnehmen soll, der sich nicht zu erkennen gibt. Ich befinde mich hier in einem Hinterhalt, soviel ist mir mittlerweile klargeworden. Muss ich dieser Falle zuerst entkommen, um mich meinem Gegner, wer auch immer es sein mag, zu stellen? Das scheint mir nur die logische Konsequenz. Ich habe nur nicht die geringste Ahnung, wie ich zu Hause den Kampf wiederaufnehmen, die Lösung in Angriff nehmen kann. Ich müsste zu allererst mein eigenes Schicksal aufarbeiten. Radovics hinterherspüren, obgleich ich mir nicht erklären kann, wie er mit diesem Ort in Verbindung stehen könnte. Das Datum auf dem Gästebuch kann Zufall sein. Mich beschleicht der Verdacht, dass ich hoffe, der Spuk könnte enden, wenn ich diesen Ort verlasse. Ich könnte es einfach vergessen und hinter mir lassen, wie einen bösen Traum. So, wie ich es mit dem Angriff auf mich getan habe. Ich fürchte, das könnte das Muster sein, mit dem ich solche Ereignisse verarbeite. Mit dem Unfall meiner Eltern bin ich nicht anders umgegangen. Habe versucht, es zu verdrängen. Damals war ich zwar ein Kind, doch taugt das als Rechtfertigung? Nein. Ich sage mir, dass damals eine glückliche Zeit mit meinem Adoptivvater begann und es mir leichtgefallen ist, den Tod meiner Eltern zu verdrängen. Aber die Sache mit Radovics?

«Darf ich dein Handy für den Anruf kurz haben?», frage ich Sarah.

«Was wollen Sie mit ihrem Handy?»

«Was ist denn los mit dir?», fährt Sarah ihn an und tritt einen Schritt von ihm weg. «Du wolltest doch unbedingt hierher. Zu deinem bescheuerten Taucherparadies. Dann dreh‘ lieber noch 'ne Runde mit deinem Motorrad und reg‘ dich ab.»

David schaut die ganze Zeit mich an. Es ist kein freundlicher Blick, doch ich kann ihn einfach nicht einordnen. Verachtet er mich? Warum? Er kennt mich ja gar nicht. Gibt er mir die Schuld für den Streit, der in der Luft liegt? Vielleicht. Sein Blick ist kälter und abschätziger, um allein mit einer albernen Übellaunigkeit erklärt zu werden. Dieser Blick kommt aus dunkleren Kammern seines Herzens, viel dunkleren.

Es ist Zeit für mich, den Rückzug anzutreten. Außerdem verspüre ich nicht die geringste Lust, Anlass und Zeuge eines Streits zu sein.

«Ist schon in Ordnung. Ich kann mir auch vom Hotel ein Taxi rufen.»

David grinst und schnaubt verächtlich. «Von mir aus nehmen Sie ruhig das Handy. Es wird Ihnen nur nicht viel nützen.»

Er schnappt sich den Neoprenanzug und die Taucherbrille, die neben dem Zelt auf dem Boden liegen und geht wortlos in Richtung des Sees davon.

«Er ist wirklich nicht immer so ein Arschloch», sagt Sarah entschuldigend und ich hoffe für sie, dass sie uns beiden da nichts vormacht. «Ich habe ihn noch gewarnt, dass wir nicht ausgerechnet hierherfahren sollten, aber der See hat ihn schon immer fasziniert. Seine Leute drehen durch, wenn sie wüssten, wo wir sind.»

«Seine Leute?»

«Naja, seine Familie. Sein Vater lebt nicht mehr.»

«Aber diese Sache mit der Sekte ist doch schon 'ne Weile her», erwidere ich, weil mich ihr letzter Satz irritiert. «Außerdem seid ihr beide erwachsen.»

Nun, bei David habe ich da abgesehen von den Lebensjahren so meine Zweifel, aber ich will nicht gehässig oder gar nachtragend sein.

Sarah zuckt die Achseln. «Ich weiß nicht. Das letzte Mal ist seine Mutter schier explodiert, als sie erfahren hat, dass wir hier waren. Ich glaube, der Ort macht ihr immer noch Angst, auch wenn es heute dafür keinen Grund mehr gibt.»

Wie gerne würde ich diese Feststellung unterschreiben. Ich stoße an diesem Ort auf immer neue Gründe, die mir Angst einflößen.

Mir fällt wieder das Handy ein. David wird sicherlich noch eine Weile fortbleiben, hoffentlich bis sein Frust gänzlich verraucht ist, ich will es aber auf eine weitere Konfrontation mit ihm nicht ankommen lassen.

«Das Handy?»

Sie reißt die Augen auf. «Ah, ja. Sie können es schon haben», druckst sie, mich plötzlich wieder siezend herum. «Nur, es funktioniert nicht.»

«Oh, ich verstehe», sage ich, obgleich ich gar nichts verstehe und das ist meinen Worten offenbar anzuhören.

«Es gibt hier keinen Empfang», erklärt Sarah daher. «Wir können es gerne probieren.» Und bevor ich sie davon abhalten kann, ist sie im Zelt verschwunden und kehrt mit einem Smartphone zurück. Sie hält mir das Display entgegen.

«Kein Netz», blinkt in der obern linken Ecke.

Zu dumm. Ich hätte es gerne vermieden, mich nochmal im Hotel blicken zu lassen, aber es lässt sich offensichtlich nicht ändern.

Jetzt kommt dieser schreckliche Moment, den Abgang einzuleiten. Schweigen breitet sich aus, wie Regenwasser, das in einen frischen Schuhabdruck schwappt. Die Floskeln stehen bereit, Ja, dann, war nett, vielleicht bis bald, viel Spaß noch, doch Sarah entscheidet sich für ein knappes «Ich mach‘ dann mal weiter.»

In diesem Augenblick erkenne ich die Wahrheit. Ich spüre, dass es Sarah ganz recht ist, wenn ich jetzt gehe. Hat sie etwa Angst, es könnte weiteren Stress mit ihrem Freund geben? Ich habe nicht das Gefühl, dass David hier gleich wieder auftauchen wird und dann verstehe ich. Vorhin, als David losgefahren war, war sie froh, nicht alleine zu sein. Sie war irritiert über mein plötzliches Auftauchen und meine Erscheinung, aber in meiner Gegenwart fürchtete sie sich nicht. Meine Bedenken, ich könnte sie erschrecken waren gänzlich unbegründet. Jetzt habe ich meine Schuldigkeit getan, also kann ich wieder gehen. Kurz gibt mir dieses unvermittelte Gefühl, nicht länger erwünscht zu sein, einen Stich, aber ich verstehe sie. Außerdem steht fest, dass sie mir nicht wird helfen können. Es gibt hier einfach keinen Handyempfang.

Kein Netz.

Als ich schon den Feldweg zur Straße beschreite und den See sowie Sarah und David ein gutes Stück hinter mir gelassen habe, nagt das Gefühl unerwünscht zu sein immer noch an mir. Was erwarte ich? Hätten die beiden mich etwa in ihr Zelt einladen sollen? Ich weiß, dass das Blödsinn ist.

Es ist nur so, dass ich an diesem Ort bisher nur auf abweisende und wenig vertrauenserweckende Menschen gestoßen bin. Erst jetzt wird mir klar, wie sehr ich die Normalität des Gesprächs mit Sarah genossen habe, wenn ich mal davon absehe, dass wir über eine kindermordende Sekte gesprochen haben. Aber, ich hatte das Gefühl, endlich wieder auf einen richtigen Menschen gestoßen zu sein. Ja, ich weiß, es klingt total dämlich, aber ich hatte für einen kurzen Augenblick geglaubt, eine Freundin gefunden zu haben. Ich habe mich getäuscht. Wieder bin ich nur die Getriebene, so vollkommen ahnungslos, wie ich das Heft des Handelns in die eigenen Hände bekommen soll.

Schlimmer noch. Ich komme mir mit einem Mal vollkommen verloren vor. Alleingelassen, wenn nicht gar verstoßen, auch wenn ich nicht begreife, weshalb ausgerechnet ich in diesen Wahnsinn geraten konnte. Ich kenne dieses Gefühl sonst gar nicht. Ich vermute, dass es ein Echo meiner Kindheit ist, als meine leiblichen Eltern plötzlich aus meinem Leben verschwunden waren. Wahrscheinlich habe ich mich damals ebenfalls verlassen gefühlt, verloren gegangen, im Stich gelassen. Ich weiß es nicht. Ich erinnere mich nicht an diese Zeit oder nur dunkel, als versuchte ich mich an das Leben einer anderen zu erinnern, mich auf die Einzelheiten einer Geschichte zu besinnen, die ich selber nicht erlebt, von der ich nur gehört habe. Komisch, dass ich mich so schlecht erinnere. Es hat wohl damit zu tun, dass ich ein Trauma erlebt habe und es ist bezeichnend, dass meine Erinnerung klar einsetzt, als ich von Carsten Borg aufgenommen wurde.

Es ist ungerecht, dass die Gedanken an meinen Adoptivvater immer gerade dann wieder auftauchen, wenn mich schwermütige Gedanken umfangen. Es ist fast so, als wollte da etwas in mir, dass ich endlich losheule, statt stoisch durch diesen Wahnsinn zu tapsen.

Auf der Straße schlage ich, ohne zu zögern, den Weg zurück in den Ort ein, zum Hotel. Es ist keine Option mehr, aufs Geratewohl in die andere Richtung von Totenbruck fortzugehen in der Hoffnung, dass es höchstens zehn bis zwanzig Kilometer bis zum nächsten Ort sind. Wenn ich Pech habe, latsche ich bis zur Dämmerung in eine Richtung, ohne auf eine andere Siedlung zu stoßen, geschweige denn überhaupt auf ein menschliches Wesen. Es ist absolut vernünftig, vom Hotel aus ein Taxi zu rufen, vielleicht noch einen Kaffee zu trinken. Und so verrückt wie es klingt, baut mich dieser Gedanke an einen Kaffee auf den Stufen des Hotels (auf gar keinen Fall in der düsteren Gaststube oder gar auf dem Zimmer dieser anderen Frau) auf, ähnlich der Vorstellung von einem heißen Bad oder einer prickelnden Dusche nach einem anstrengenden Tag oder einer langen Wanderung. Diese Stimmungsschwankungen sind ein deutliches Zeichen, dass mich meine Erlebnisse an diesem Ort ganz schön mitgenommen haben und meine nach außen getragene Fassung eben nichts weiter ist, als bloße Fassade.

Nur einen klaren Kopf behalten, das ist alles. Nicht verrückt werden, nicht dem Wahnsinn hingeben, der hier an jeder Ecke zu lauern scheint.

Ich bin erstaunt, wie sich der Weg zieht. Ich hatte schon längst damit gerechnet, dass die ersten Häuser hinter jeder Biegung auftauchen müssten. Haben wir uns soweit vom Ort entfernt? Erstaunlich, dass all dieses unbebaute Land noch zu Totenbruck gehört, denn ich kann mich nicht erinnern, dass ich auf der Fahrt mit Vagts an einem Ortsausgangsschild vorbeigekommen wäre. Ich beschleunige meine Schritte und rede mir ein, dass ich eben nur möglichst schnell das Hotel, ein Telefon erreichen möchte. Tatsächlich keimt ihn mir die wahnwitzige Vorstellung, dass der Ort verschwunden ist, sich aufgelöst hat, überhaupt nur Einbildung war. Der Gedanke verspricht keine Erleichterung, denn ich stelle mir vor, wie ich jetzt durch eine unendliche Landschaft stolpere, ohne je wieder auf ein Haus oder einen Menschen zu treffen. Eine vollkommen leere, unbewohnte Welt. Ohne Grausamkeit aber auch ohne Trost. Nur ein Nichts mit etwas Asphalt zum Laufen und einigen Büschen und weitläufigen Wiesen zum Anschauen. Diese Phantasie, flößt mir größere Panik ein, als einfach nur dem Grauen des Ortes nicht entkommen zu können. Wenn das nicht verrückt ist?

Reiß dich zusammen, Kosra Borg.

Ich bin verloren. Das ist die Quintessenz meiner Vorstellungen. Ich bin verloren, vergessen und im wahrsten Sinne des Wortes von aller Welt verlassen.

Ich laufe immer schneller. Ich renne. Nichts. Nur diese verdammte Straße und dichtes Buschwerk zu beiden Seiten. Ich laufe so schnell, dass ich Seitenstechen bekomme. Es muss doch endlich…

Und dann steht er da. Hinter der nächsten Wegbiegung mitten auf der Straße.

Der Junge.

Er ist zwölf, höchstens vierzehn. Er ist nackt und über und über mit Blut bespritzt. Sagte ich, dass er nackt ist? Nun, das stimmt nicht ganz. Über seine Schultern ist locker eine Polizeilederjacke gelegt.

Der Junge saugt die Luft ein und stößt sie aus wie ein Tier. Er schnauft und hechelt, als wolle er einen Wolf imitieren. Ich kenne ihn, doch ich weiß nicht woher. Alles nur ein Trauma. Alles nur Wahnvorstellungen. Der Artikel, Sarahs Worte, du halluzinierst nach all den Grausamkeiten, von denen du gehört hast.

Es ist unmöglich, dass dieses Kind da mitten auf der Straße steht. Ganz ruhig. Ganz gelassen. Nackt bis auf die Uniformjacke über seinen Schultern.

Dann zieht der Junge die Luft erneut mit kurzen Stößen ein. Er schnuppert, als nehme er gerade eben selbst erst den Geruch des Blutes wahr. Oder will er meine Witterung aufnehmen?

Ich bin die einzige von uns beiden, die in Panik ist. Im Vergleich zu ihm habe ich nicht den geringsten Grund dazu. Ich bin nicht voller Blut. Mit Schrecken erinnere ich mich an meinen Traum, als ich mich selbst voller Blut gesehen habe auf der Rücksitzbank im Auto meiner Eltern und schaue rasch an mir hinab, aber da ist kein Blut. Nur dieses dämliche Glitzerzeug auf dem T-Shirt. Als ich wieder aufschaue, ist das Trugbild des Jungen verschwunden.

Nur ein Schnüffeln oder Hecheln ist noch zu hören und die Stimme eines Kindes. Ich höre die Worte so deutlich, wie ich den metallischen Geruch des Blutes rieche.

„Du hättest nicht zurückkehren sollen, Kosra.“

Er kennt meinen Namen und diese Vorstellung ist schlimmer als all das Blut, das ich gerade noch gesehen habe.

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