Kapitel 15

Ich kauere zusammengekrümmt auf den Knien. Ich erfahre eine unbegreifliche Hemmung beim Einatmen, der Kontrollverlust scheint auf meinen Körper überzugehen und der Druck in meiner Brust ist so groß, dass sich meine Lunge wie ein einziger Klumpen totes Fleisch anfühlt, unfähig überhaupt eine Funktion auszuführen. Schwärze umfängt mich. Die Ohnmacht ist diesmal nur ein Kratzer in meinem Gedächtnis. Obwohl sich meine Atmung rasch beruhigt, steht mir kalter Schweiß auf der Stirn. Selbst, als ich begreife, dass es sich nicht um ein Monster, sondern um ein Motorrad handelt, läuft es mir kalt den Rücken herunter.

Es ist die Maschine des Pärchens am See. Das Geräusch nähert sich, weil das Motorrad den Weg vom See heraufkommt und im nächsten Augenblick entfernt es sich wieder; die Maschine biegt auf den Feldweg zur Straße ein.

Vor mir auf dem Boden liegen das Blatt aus dem Gästebuch und der ausgeschnittene Artikel über das Attentat. Die Papiere zittern im Wind, zucken mal in die eine, mal in die andere Richtung und drohen, jeden Augenblick davon geweht zu werden.

Ich mache mir nichts vor. Ich bin nicht zufällig hier hineingeraten. Aber, wie kann das sein? Was habe ich getan, dass mir dieser Wahnsinn angetan wird? Wie hängt der Angriff auf mich mit dem Ort und vor allen Dingen mit Nadia Westhoff zusammen, mit einer Frau, von der ich praktisch nichts weiß, außer ihren Namen und dass sie einen schrecklich spießigen Modegeschmack besitzt?

Denk‘ nach, dränge ich. Versuch‘ dich zu erinnern. Aber, an was? Hängt es mit Radovics zusammen, dem Mandanten, der mich niedergestochen hat? Wie bin ich überhaupt an das Mandat gekommen? Es war eine Pflichtverteidigung. Es muss eine Pflichtverteidigung gewesen sein. Es gab im Justizzentrum zwei, drei Richter, die mir Pflichtmandate beschafften, einer von ihnen hat mir Radovics aufgehalst. Wer war es? Kann ein Richter überhaupt die Verbindung zu diesem Ort, zu Totenbruck, zu der Misere sein, in der ich mich befinde? Je mehr ich mir das Hirn zermartere, desto schneller wachsen Hydra die Köpfe, ohne, dass ich einen einzigen abschlagen kann.

Soll ich zurück zum Haus des Arztes gehen und Erika unter Druck setzen? Sie auffordern, mir zu erzählen, was sie weiß? Womit kann ich sie zwingen, mir die Wahrheit zu sagen? Das, was sie mir gesagt hat, ergibt keinen Sinn.

Du hättest nicht zurückkehren dürfen.

Blödsinn. Ich bin nicht zurückgekehrt. Ich bin nie an diesem Ort gewesen.

Ich will schreien, doch der Schrei bleibt in mir gefangen, wie ich an diesem Ort.

Erst jetzt, in diesem Elend hier, auf der nackten Erde kniend wird mir bewusst, dass ich die Hintergründe des Angriffs nie aufgeklärt habe. Habe ich mich überhaupt jemals gefragt, was Radovics dazu brachte, mich umbringen zu wollen? Wieso habe ich nie versucht, die Hintergründe zu erfahren?

Ich habe es nicht getan, so viel ist klar. Ich habe versucht, mein Leben fortzusetzen, wieder aufzustehen und aufrecht mein Leben zu leben. Die Tat wollte ich verdrängen.

Ist es mir gelungen?

Anscheinend nicht, sonst wäre ich nicht in diesem Elend gelandet.

Warum nur habe ich nie nach einer Antwort gesucht? Was war bloß los mit mir? Habe ich die Antwort gefürchtet? Gibt es ein dunkles Geheimnis in meinem Leben, so bedrohlich und erschreckend, dass ich es komplett ignoriere?

So komme ich nicht weiter.

Ich stehe langsam auf und taumele ein paar Schritte, weil meine Beine zittern. Mir wird schwarz vor Augen und dann sehe ich sie. Das Mädchen unten am See. Sie ist allein. Ihr Freund ist ohne sie gefahren. Haben sie sich gestritten? Es sieht nicht danach aus. Sie packt weiter unaufgeregt den Rucksack aus und räumt das Zelt ein, das der Mann aufgestellt hat.

Ich fühle mich fiebrig, wische mir mit fahrigen Bewegungen den kalten Schweiß von der Stirn. Ich drehe durch, oder? Fühlt es sich so an, wenn ein Mensch in den Wahnsinn gleitet?

Ich erkenne mich nicht wieder. Diese absurde Erkenntnis rast in einem fort durch meine Gedanken. Ich erkenne mich nicht wieder. Als ich die aberwitzige Entsprechung zu meinem Zustand und zu der Situation, in der ich mich befinde, begreife, muss ich mir die Hand auf den Mund pressen, um nicht laut loszulachen.

Ich spüre Sandkörner auf meinen Lippen. Ich spucke aus, dann wische ich mir den Mund mit dem Handrücken ab.

Das Mädchen. Ich sollte zu dem Mädchen gehen. Bestimmt hat sie ein Handy. Ich muss Hilfe holen. Es wird in meinem wirklichen Leben doch irgendjemanden geben, den ich anrufen kann? Mir fällt nur niemand ein? Es muss doch eine beste Freundin geben oder wenigstens Kollegen, mit denen ich Kontakt halte, Fortbildungsveranstaltungen besuche oder vor einer Gerichtsverhandlung Smalltalk halte.

Hast du schon gehört, der Kammerbeitrag wird erhöht?
Will dein Mandant etwa in Berufung gehen?
Zahlt die Gerichtskasse deine Pflichtmandate auch immer so spät aus?

Aber, wie soll mir ein Plausch unter Kollegen einfallen, wenn ich schon seit gefühlten Ewigkeiten keine eigenen Mandanten mehr besitze? Wenn ich wenigstens die eine oder andere Verhandlung in Untervollmacht geführt hätte. Aber so?

Mit den Freundschaften ist es ähnlich. Ich habe sie verkümmern lassen, seit ich vom Attentat genesen bin, habe mich in mein Schneckenhaus verkrochen und nur noch am Telefon gearbeitet. Wie erbärmlich.

Ich erkenne mich wirklich nicht wieder. Schlimmer noch, ich erinnere mich immer weniger an mich, sonst wüsste ich doch wohl, was mit meinen Freunden und Kollegen geschehen ist?

Ich hebe Artikel und Gästebuchblatt auf und stopfe sie in meine Hosentasche.

Ask Bororg.

*

Das Mädchen schaut auf, als ich mich ihr nähere. Sie ist Anfang zwanzig. Sie schaut mich aus metallisch grauen Augen an, die die Blässe ihres Teints hervortreten lassen, ihre Lippen sind leicht rosa und ihre offenen dunkelblonden Haare reichen ihr über die Schultern. Sie ist sehr schön und ich spüre den Stich der Eifersucht, der mich immer durchfährt, wenn ich auf Frauen treffe, die ich für so viel anmutiger halte, als mich selbst.

Ich weiß, wovon ich spreche. Als Studentin ließ ich mich in die Kartei einer Agentur aufnehmen, die junge Frauen als Hostessen für Messen und Events vermittelte. Ich wurde nie für glamouröse Produktvorstellungen und Societyveranstaltungen gebucht, sondern für die Käsetheke einer Supermarktkette und bot neue Käsekreationen auf Weißbrot zum Probieren an. Ich spüre der Verletzung nach, nicht weil ich masochistisch veranlagt bin, sondern weil ich nur so bestätigt bekomme, dass ich ich bin, wie sollte ich mich sonst daran erinnern oder mich vergewissern, als durch Schmerz? So wie sich Nadia Westhoff kleidet hat sie weder an einer Frischwarentheke gejobbt, auch nicht im Kongresszentrum oder auf der Automobilmesse, sondern im Sekretariat einer noblen Firma Bürojobs erledigt.

Das Mädchen vor dem Zelt trägt ein weißes Trägertop mit Knopfleiste. Als ich fast bei ihr bin, greift sie mit einer Hand ihre langen Haare, als wollte sie sie zu einem Zopf binden. Die Bewegung ist eindeutig. Sie ist sich ganz und gar nicht sicher, was mit der Frau los ist, die auf sie zukommt. Ich bin es ja selber nicht.

«Alles in Ordnung mit Ihnen?», fragt sie, als ich neben das Zelt trete. Ich wollte so tun, als schlendere ich zum See und käme zufällig an ihr vorbei, stattdessen erkenne ich, dass ich schnurstracks auf sie zugeschritten bin, daher bleibe ich mit genug Abstand stehen, um sie nicht in Panik zu versetzen. Vor allen Dingen habe ich keine Ahnung, welche Erscheinung ich gerade abgebe.

«Ich bin gestürzt», lüge ich. «Kann ich ihr Handy benutzen, um mir ein Taxi zu rufen? Ich habe meins im Hotel liegenlassen.»

Warum ist es nur so unangenehm, einen fremden Menschen nach seinem Handy zu fragen?

Bestimmt hält sie mich für eine Alkoholikerin, die ihren letzten Rausch noch nicht auskuriert hat. Mir ist es egal, so lange sie nicht glaubt, es mit einer Psychopathin zu tun zu haben.

Sie mustert mich noch eine Weile, dann entspannt sich ihr Gesichtsausdruck.

«Das liegt an den ganzen Wurzeln hier im Boden», schmückt sie meine Lüge aus, so dass ich selber besser daran glauben kann. «Ist mir auch schon passiert.»

Sie greift in ihren Rucksack, doch statt eines Handys holt sie eine Halbliterflasche Wasser hervor und reicht sie mir.

«Sie sollten erstmal etwas trinken.»

Das kalte Wasser tut gut. Jetzt entspanne ich mich. Es klingt verrückt, aber ich fühle mich in der Gegenwart dieses Mädchens mit einem Mal sicher und vor allen Dingen wie in die wirkliche Welt zurückgekehrt.

«Danke.» Ich reiche ihr die Flasche zurück.

Ich deute auf den Horizont, an dem dunkel und schwer Wolkenberge über die Felder schweben.

«Nicht gerade das ideale Wetter zum Campen,» sage ich und finde meine eigenen Worte, kaum, dass ich sie ausgesprochen habe, schrecklich altklug und spießig.

«Wem sagen sie das», erwidert sie und lacht. «Aber David will unbedingt hier tauchen. Ist so 'ne Art Taucherparadies.»

Sie verdreht die Augen.

«Ist David ihr Freund?»

Sie nickt. «Er will tauchen und jetzt lässt er mich hier allein, um ein paar Runden mit seiner Maschine zu drehen.»

Typisch, will ich schon erwidern, besinne mich dann, dass eine solche oberflächliche Belanglosigkeit leicht wie eine plumpe Anbiederung verstanden werden könnte.

«Warum sind sie nicht einfach mit ihm gefahren?»

Sie zuckt die Schultern und in der Art, wie sie es tut erkenne ich, dass die beiden sich vielleicht doch gestritten haben.

Als ich erneut alle Scham verdränge und sie noch mal um ihr Handy bitten will, steht sie abrupt auf und macht einen Schritt auf mich zu.

«Verrückt nicht?», sagt sie unvermittelt und da sie von meinem Schicksal nichts wissen kann, habe ich absolut keine Ahnung, was sie meint. Wahrscheinlich erkennt sie es an meinem Gesichtsausdruck, denn sie fährt sogleich mit einer Erklärung fort: «Ich meine, ausgerechnet hier Urlaub zu machen.»

Ich verstehe immer noch nicht. «Ist es Ihnen zu abgeschieden?»

Statt einer weiteren Erklärung, streckt sie mir die Hand entgegen: «Ich heiße übrigens Sarah und du?»

Ich bin perplex über das plötzliche ‹Du›, will sie aber auf keinen Fall zurückweisen oder verschrecken. Warum auch? Es ist ja in Ordnung, wenn wir uns Duzen, dann wird es mir auch leichter fallen, sie ein weiteres Mal nach dem Handy zu fragen, denn darauf ist sie immer noch nicht eingegangen. Außerdem wirkt sie so unbeschwert und ich frage mich unwillkürlich, wann ich das letzte Mal so unbeschwert gewesen bin. Es kann nicht schaden, etwas lockerer zu sein.

«Kosra.»

«Kosra? Hab‘ ich ja noch nie gehört.» Ihre Bemerkung verlangt nicht unbedingt nach einer Erklärung, dennoch will ich gerade mit meiner üblichen Erklärung des Vornamens ansetzen, die indische Herkunft und so weiter und so fort, doch sie lässt mich gar nicht zu Wort kommen.

«Abgeschieden ist gar kein Ausdruck», sagt sie. «Dies ist doch nun wirklich der Arsch der Welt, aber, das meine ich nicht. Kennst du denn die Geschichten nicht?»

«Geschichten?»

Und noch bevor sie eine Antwort gibt stehen mir wieder die Artikel vor Augen, die ich auf dem Schreibtisch im Hotel überflogen habe und ich erschaudere.

Pilzsammler findet Kinderleiche.

«Na, dieser ganze Sektenscheiß und der Mord an dem Jungen.»

Größerer Tierverbiss habe glücklicherweise nicht stattgefunden, sofern vom teilweisen Insektenfraß einmal abgesehen werde.

Die Leiche war hier in der Nähe gefunden worden, jetzt erinnere ich mich wieder. Die Leiche eines zwölf- bis vierzehnjährigen Jungen.

«Ich habe davon in der Zeitung gelesen,» stammele ich und versuche, mich zu erinnern, von wann der Artikel war. War es erst vor kurzem passiert? Ich weiß es nicht. Ich habe nicht darauf geachtet. Ich wollte die Artikel nicht lesen, als ich erkannte, wovon sie handelten.

Dann fällt mir auf, dass die Zeitungsartikel vor zwanzig Jahren erschienen waren, als ich selber noch ein Kind war. Sarah wird mir nicht glauben, dass ich damals schon solche schrecklichen Berichte gelesen habe, statt Hanni-und-Nanni-Bücher oder wenigstens 11 Freunde müsst ihr sein, falls ich mit der Farbe Rosa nichts anfangen konnte. Doch Sarah übergeht den unlogischen Punkt in meiner Erwiderung und hinterfragt ihn auch nicht, als sie fortfährt.

«Das war die Story, oh Mann. Ich meine, ich war noch nicht auf der Welt», fährt sie fort. «Aber, David hat mir natürlich alles erzählt. Eine Sekte, die ihre eigenen Kinder irgendeinem Weltraumgott geopfert hat. Krank nicht?»

Krank, wie meine derzeitige beschissene Realität, möchte ich am liebsten antworten, stattdessen frage ich mich, wie ausgerechnet ihr Freund ihr davon erzählt haben kann, da er auf mich aus der Ferne nicht viel älter wirkte als sie. Oder gehört er etwa zu den Typen, die sich einen Spaß daraus machen, ihre Freundin an einen Ort mit dunkler Vergangenheit zu führen, um sich dann als der coole unerschrockene Macher aufzuspielen?

«Wie alt ist dein Freund denn?»

Sie schaut mich verwirrt an und als sie den Grund meiner Frage erkennt sagt sie: «Er war natürlich auch noch nicht auf der Welt. Ich meine, sein Vater hat ihm davon berichtet. Nicht alles natürlich, dafür muss es zu grausam gewesen sein, was er erlebt hat.»

«Wie meinst du das? War sein Vater etwa dabei, als es passierte?»

Sie will mir doch wohl hoffentlich nicht sagen, dass der Vater ihres Freundes ein Mitglied dieser Sekte war, von der sie mir gerade berichtet?

«Na klar», erwidert sie, als sei es das Normalste der Welt, dass der Vater des eigenen Freundes einer Sekte angehörte, die Kinder bei ihren Opferritualen tötet. Mir muss das Entsetzen ins Gesicht geschrieben stehen.

«Nicht wie du meinst,» platzt es aus ihr heraus, als sie die Zweideutigkeit ihrer Äußerungen erkennt. «Sein Vater war einer der Polizisten, die die Sekte aufgespürt und die Typen festgenommen haben. Ein richtiger Held, wenn man bedenkt, dass er einfacher Verkehrspolizist war. Er hat einen von ihnen sogar erschossen, um das Kind zu retten, das sie gerade…»

In diesem Augenblick kehrt das Motorrad zurück. Das fauchende Monster.

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