Kapitel 14

Ich habe keine Ahnung, wie lange ich schon auf der Bank des Rastplatzes sitze oder wie ich überhaupt hierher gekommen bin.

Nehmen Sie bitte Ihren Müll mit nach Hause.

Es ergibt alles keinen Sinn.

Ich komme mir erbärmlich vor. Ich bin nichts weiter als eine Marionette und es ist mir unmöglich zu erkennen, wer die Fäden zieht. Habe ich ernsthaft geglaubt, dass ich wieder alles im Griff hätte, nur weil ich meinen Anwaltsausweis im Gebüsch gefunden habe? Lächerlich. Nichts habe ich im Griff. Ich bin eine Flipperkugel, auf dem abschüssigen Feld durch unterschiedliche Schlagbolzen im Spiel gehalten.

Boing! und ich schleudere zum angeblichen Unfallort und

Ping!, ich finde meinen Anwaltsausweis und

Klong! weiter zum Haus des Arztes.

Und jetzt?

Ich bin mir ja nicht mal sicher, ob ich noch meine eigenen Entscheidungen treffe.

Blödsinn, rede ich mir selber Mut zu, du wolltest zur Unfallstelle gebracht werden. Es war reiner Zufall, dass du den Ausweis gefunden hast und du hättest genauso gut am Haus des Arztes vorbeilaufen können.

Hätte ich?

Habe ich aber nicht und wer auch immer den an mich adressierten Umschlag bei der Leiche von Bargens deponiert hat, hat das genau gewusst.

Der Umschlag! Enthält er eine Antwort oder führt er nur zu weiteren Fragen? Ich werde es nicht erfahren, wenn ich ihn nicht endlich öffne, doch es behagt mir nicht, dies in Sichtweite des Hauses zu tun, das mir jetzt mehr noch als zuvor wie ein Hexenhaus erscheint.

Ich habe gehört, dass Skifahrer, die von Lawinen verschüttet werden, nicht immer wissen, wo oben und unten ist, in welche Richtung sie graben müssen, um sich zu befreien. Dabei gibt es einen Trick: Spucke – die Schwerkraft weist den Weg.

So einen Trick bräuchte ich auch. Ich bin da in etwas Dunkles und Gefährliches hinein geraten und weiß nicht, in welcher Richtung das rettende Tageslicht liegt.

Ich bin ein wenig wacklig auf den Beinen, als ich aufstehe, aber es geht. Ich könnte in den Wind spucken, und ihm die Entscheidung überlassen, doch, das wäre kein Trick, sondern Ausdruck schierer Verzweiflung.

Ich schlage den Weg zurück zum Ort ein. Egal, welche Überraschungen der Inhalt des Umschlags für mich bereithält, so halte ich es für keine gute Idee, aufs Geratewohl in die Landschaft zu marschieren, ohne jede Vorstellung, wie weit der nächste Ort entfernt ist.

Die Bauernkate, das Hexenhaus, liegt vollkommen still mitten im Birkenwald.

Weder ein Kranken- noch ein Leichenwagen sind irgendwo zu sehen. Aber, Schwester Erika wird schon wissen, was zu tun ist.

Du hättest nicht zurückkehren dürfen.

Wie hat sie das gemeint? Sie und dieser Simon Vagts? Zurückkehren wohin? Nach Totenbruck? In das Haus des Arztes? Ich bin an keinem dieser Orte je zuvor gewesen.

Es hilft nichts. Ich muss mich beeilen, außer Sichtweite des Hauses zu gelangen. Ich will nicht riskieren, dass Erika mich entdeckt.

Erst jetzt fällt mir auf, dass bislang kein einziges Auto an mir vorbeigefahren ist.

Kaum zu glauben, dass ich diese Straße genommen haben soll auf dem Weg zur Polizeistation. Sie kommt mir viel schmaler vor.

Und mit einem Mal steht das Bild wieder vor meinem geistigen Auge. Die Person mitten auf der Straße, die Erleichterung, sie nicht überfahren zu haben. Instinktiv berühre ich meinen Arm an der Stelle, an der mich die Frau gepackt hat und spüre erneut die Furcht, die mich in diesem Augenblick ergriffen hat.

Ich komme mir vollkommen egoistisch vor. Die ganze Zeit denke ich nur an mich und an den Schlamassel, in den ich geraten bin. Was ist mit Nadia Westhoff? Was ist mit der Frau, die nachts mitten auf der Straße lag und mit der mich hier alle verwechseln?

Schuldgefühle steigen in mir auf, weil ich mich über ihren Kleidergeschmack lustig gemacht habe und vielleicht ist sie jetzt…? Ja, was? Tot?

Ich weiß es nicht.

Und war es überhaupt Nadia Westhoff, die auf der Straße lag? Ich gebe auf. Ich weiß gar nichts. Es hilft nichts, wenn ich mir das Hirn zermartere. Die Fragen werden nicht weniger, sondern mehr, wie bei dem sagenhaften Ungeheuer Hydra, bei dem mit jedem abgeschlagenen Kopf zwei neue wachsen. Und wenn ich schon bei Ungeheuern bin, muss ich auch gleich wieder an die fratzenhaften Götzenbilder denken, die ich im Haus des Arztes gesehen habe und an die gehörnte Schlange. Sie ist meinen Albträumen entsprungen und begegnet mir ausgerechnet an diesem Ort, der selbst ein Albtraum ist. Ein Albtraum, dem ich nicht entkommen kann.

Schließlich erreiche ich einen Feldweg, der von der Straße abzweigt. Genau die Abgeschiedenheit, die ich gesucht habe.

«Kreidesee 1 km», lese ich auf einem Hinweisschild.

Kreidesee? Was soll ein Kreidesee sein?

Dann ich erinnere ich mich an Vagts‘ Vortrag.

Die Kreide war natürlich entscheidend. Hier überall im Boden befindet sich Kalkstein und den braucht man zur Zementherstellung.

Der See hängt also mit der Zementfabrik zusammen. Ich schlage den Weg ein und hoffe auf ein abgeschiedenes Plätzchen, an dem ich die Nachricht des Arztes lesen kann. Ich will dies nicht in der Nähe der Straße tun. Die Furcht ist stärker als meine Neugierde. Oder fürchte ich mich vor den Zeilen eines Mannes, der daraufhin Selbstmord beging? Mein Wunsch nach Abgeschiedenheit ist nichts weiter, als plumper Selbstbetrug. Der Versuch, die Erkenntnis hinauszuzögern.

Der Feldweg führt eine kleine Anhöhe hinauf. Auf der rechten Seite, zum Ort hin gelegen, ragt eine Art Berg auf. Die Erhebung passt nicht in die Landschaft und ich vermute, dass sie nicht natürlichen Ursprungs ist. Wahrscheinlich ein Relikt des Kreide- und Tonabbaus in der Gegend. Eine Art Halde, auf der der Aushub des Tagebaus abgeladen wurde.

Die Kreide war natürlich entscheidend.

Auf der Fahrt mit Vagts war mir der Berg nicht aufgefallen.

Noch bevor ich den höchsten Punkt der Anhöhe erreiche, erblicke ich eine grünlich-blauschimmernde Wasseroberfläche, die mehrere Fußballfelder groß ist. Aber, wenn ich geglaubt habe, Abgeschiedenheit zu finden, so werde ich eines Besseren belehrt. Am Ufer ist ein Zelt aufgestellt, daneben ein Motorrad (ausgerechnet) und zwei Jugendliche, ein Mädchen und ein Junge, die ich auf Anfang Zwanzig schätze.

Die beiden beachten mich gar nicht. Sie sind erst vor kurzem angekommen. Er fummelt am Zelt herum und als eine Ecke einknickt ist klar, dass es nicht fertig aufgestellt ist. Sie kramt in einem Rucksack Sachen hervor und verteilt sie um sich herum, Klamotten, Kochgeschirr, solche Dinge.

Der Wind trägt ihre Stimmen zu mir herüber. Ich kann ihre Worte nicht verstehen. Schließlich stemmt der Junge die Arme in die Hüften und spricht lauter, aber nicht laut genug, dass ich ihn verstehen könnte.

Ich schaue zum Himmel. Am Horizont streichen dunkle Wolken mit langen Fingern über die Felder. Kein ideales Campingwetter, überlege ich.

Ich könnte zum See hinuntergehen, doch dann müsste ich an den beiden vorbei, was ich nicht möchte. So gehe ich ein Stück zur anderen Seite die Anhöhe wieder hinunter in Richtung des Berges. Nach ein paar Schritten setze ich mich auf den Boden und ziehe den Umschlag aus meiner Gesäßtasche.

Das Innenfutter raschelt.

Der Wind fährt durch mein Haar, wie eine kalte Hand, die über meinen Kopf streicht. Eine tote Hand.

Einen kurzen Moment überlege ich, ihn einfach zu zerreißen und dem Wind zu überlassen.

Ich ahne, dass ich mich vor der Wahrheit fürchte.

Weshalb suche ich überhaupt nach Antworten?

Ich könnte meiner Wege gehen und diese absurde Episode meines Lebens hinter mir lassen. Ich muss nicht herausfinden, was hier gespielt wird. Es kann mir egal sein.

Ich bin es leid, eine Marionette zu sein.

Wer immer diesen Umschlag zu Füßen des toten Arztes deponiert hat, will mich mit weiteren Rätseln verspotten. Ich könnte den Spott erwidern und den Brief vernichten. Die beiden Jugendlichen werden ein Feuerzeug dabeihaben. Zerreißen erscheint mir nämlich zu unspektakulär. Zu wenig endgültig.

Ich reiße den Umschlag auf.

So viel zum eigenen Willen einer Marionette.

Es befindet sich ein gefaltetes Blatt darin. Eine Seite des Gästebuchs, in dem ich vor kurzem heimlich geblättert habe. Ich falte das Blatt auseinander. Kein Zweifel. Dieselbe Seitengestaltung. Das Tagesdatum in roten Ziffern rechts oben, darunter eine Tabelle, mit den Angaben zur Person, zur Zimmernummer und zum Anreise- und Abreisezeitpunkt.

Mittwoch, den 23. September. Ein Jahr steht nicht da. Dieses Jahr ist es jedenfalls nicht. Wann fiel er auf einen 23. September? Ist das überhaupt wichtig?

Mein Blut gefriert, als ich den Namen des ersten Gastes erkenne. Die Buchstaben wurden übermalt, so er mir nicht sofort ins Auge stach.

Erst, als ich genauer hinsehe, ist es eindeutig.

Kosra Borg.

Zimmer: 27

Anreise: 21 Uhr 43

Abreise: Keine Angabe.

Das kann nicht wahr sein. Das ist eine Finte? Ein übler Scherz. Ich bin nie zuvor hier gewesen und in dem Hotel schon gar nicht. Jemand versucht mich in den Wahnsinn zu treiben. Es kann keine andere Erklärung geben. Mir bricht der Schweiß aus, so dass ich den kalten Hauch des Windes nun deutlicher spüre. Den Atem der Unterwelt.

Ich zittere. Was ist nur los? Wer tut sowas?

Ich will aufspringen. Sie müssen hier irgendwo sein. Sie beobachten mich. Sie weiden sich an meiner Verwirrung, an meiner Furcht.

Wer seid ihr?

Wo versteckt ihr euch?

Warum?

Die Buchstaben meines Namens. Sie wurden nicht übermalt, sie sind durchgestrichen worden. Nicht der ganze Name mit einem Querstrich, wie zu erwarten, sondern jeder Buchstabe einzeln, mit breiten, senkrechten Strichen.

Und was hat es zu bedeuten, dass bei Abreise nichts eingetragen ist? Nicht einmal ein Querstrich. Nichts. Das Feld ist leer. Als wäre der Gast, als wäre ich niemals abgereist.

Sie hätten nicht zurückkehren dürfen.
Du hättest nicht zurückkehren dürfen.

Ich war nie fort. Wenn das Blatt in meinen zittrigen Händen nicht lügt, dann war ich nie weg. Als wäre ich…

Hör‘ auf. Reiß dich zusammen. Du darfst deinem unsichtbaren die Genugtuung nicht lassen, jetzt durchzudrehen.

Gegenspieler? Leide ich an Verfolgungswahn?

Und überhaupt. Wer sagt denn, dass mir das Blatt nicht eine Hilfe sein soll, eine Botschaft, die mir den Weg weist; doch wie soll das funktionieren, wenn alles so kryptisch und verwirrend ist? Was für eine Hilfe soll das bitteschön sein?

Kosra, streng‘ dich an. Da steht noch ein zweiter Name direkt unter deinem.

‹Ask Bororg›.

Keine Zimmernummer. Kein Eintrag weder bei Anreise, noch bei Abreise. Der Name ist mit dem gleichen schlecht gespitzten Bleistift geschrieben, der jeden einzelnen Buchstaben meines Namens getilgt hat, während der Rest mit Kugelschreiber geschrieben wurde. Auch die Handschriften sind nicht identisch. Wer meinen Namen durchgestrichen und den anderen Namen daruntergesetzt hat, war eine andere Person als diejenige, die meine Ankunft vermerkt hat.

Ask Bororg? Wer soll das sein? Was ist das überhaupt für ein Name? Und wie soll er mir weiterhelfen? Nein, es bleibt dabei, hier treibt jemand sein Spiel mit mir und es ist an mir, das zu beenden. Jetzt.

Ask Bororg.

Schwachsinn. Wieder nur ein Rätsel. Da ist sie wieder: Hydra. Nur dass der Sagengestalt mittlerweile mehr Köpfe wachsen, als ich zählen kann.

Trotzdem. Ich kann nicht anders. Meine Gedanken rasen hin und her. Was übersehe ich? Welchen Hinweis habe ich nicht verstanden?

23. September? Hat dieses Datum eine Bedeutung für mich? Mittwoch, der 23. September?

Mir will nichts einfallen. Nichts. Geboren bin ich im Juni. Der tödliche Unfall meiner Eltern geschah an einem Tag im Juli 1992. Mein Pflegevater starb im Januar.

Mit einem Mal schnürt sich mir die Kehle zu. Ich schlucke. Mit zittrigen Fingern greife ich in meine Hosentasche und hole den fein säuberlich gefalteten Artikel, den ich im Hotelzimmer auf dem Schreibtisch gefunden habe, hervor.

Ich klemme den Umschlag und das Blatt zwischen die Beine und falte den Artikel auseinander.

„Anwältin von Mandant niedergestochen“.

Ich beginne zu lesen, obgleich ich weiß, was in dem Bericht steht.

„Gestern gegen zweiundzwanzig Uhr ereignete sich in der Kanzlei…“

„…Die zweiunddreißigjährige Strafverteidigerin Kosra B. befand sich allein in den Räumen…“

„…wurde in ein künstliches Koma versetzt. Die junge Anwältin sei noch nicht außer Lebensgefahr, bestätigte ein Kliniksprecher.“

Außer Gefahr? Nicht im Geringsten.

Ein Knubbel wird bleiben.

Der Artikel ist von Donnerstag, dem 24. September. Der Tag nach dem 23. September 2016.

Ich höre das Fauchen des Monsters. Es ist real. Es ist hier.

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