Kapitel 13

Meine Hand zittert, als ich mich bücke, um den Umschlag aufzuheben. Über mir schaukelt der Leichnam im Luftzug. Das Seil am Balken knarzt. Ich fürchte, dass der Körper jeden Augenblick auf mich herunterstürzen und mich unter sich begraben könnte. Deshalb greife ich rasch nach dem Umschlag und krieche mit dem Papier in der Hand auf allen Vieren zurück zur Tür.

Ich widerstehe dem Impuls, den verschlossenen Umschlag aufzureißen.

Frau Rechtsanwältin Kosra Borg. Persönlich.

Er hat es gewusst. Er hat die ganze Zeit gewusst, wer du wirklich bist.

Denk‘ nach, Kosra, denk‘ nach. Dies ist nicht bloß ein dummer Scherz. Was auch immer hier passiert, ist so dunkel und angsteinflößend, dass sich von Bargen lieber das Leben nahm, statt sich dir zu offenbaren.

In was bin ich nur hineingeraten?

Vielleicht findet sich sein Geständnis in dem Umschlag.

Frau Rechtsanwältin Kosra Borg.

Persönlich.

Ja, verdammt, das bin ich. Kosra Borg. Rechtsanwältin.

Wer bin ich aber, dass sich jemand solche Mühe gibt, ein falsches Spiel mit mir zu treiben?

Öffne den Umschlag!

Das Papier knistert in meiner zittrigen Hand. Seidenpapiergefüttert. In der linken oberen Ecke ein Monogramm. AVB. Alexander von Bargen.

Öffne endlich den verdammten Umschlag!

Ich fahre mir mit der Zunge über die trockenen Lippen. Enthält der Brief die Wahrheit? Oder nur ein Geständnis, das weder Ross noch Reiter nennt?

Liebe Frau Rechtsanwältin Kosra Borg, es tut mir leid, dass ich mich an dem Komplott gegen Sie beteiligt habe, aber ich wurde dazu gezwungen. Ich kann mit meiner Schuld nicht länger leben. Bitte verzeihen Sie mir.

In der Art ungefähr. Etwas, das mich nur noch ratloser zurücklassen wird?

Ich werde es nie erfahren, wenn ich weiter zögere. Was hält mich davon ab, diesen verdammten Umschlag zu öffnen?

Tu' es endlich!

Der Ort! Es ist der falsche Ort, um den Umschlag zu öffnen, der hoffentlich die Auflösung bringt. Wer auch immer im Hintergrund agiert, wird wissen, dass von Bargen labil ist und sich mir auf die eine oder andere Art und Weise offenbart haben könnte. Ich sitze in der Falle. Ich muss hier weg. Sofort! Es ist viel zu gefährlich, sich jetzt mit dem Inhalt des Briefes zu befassen.

Sie können jeden Augenblick hier sein.

Ich springe auf, lehne mich mit klopfendem Herzen an die kalte Wand.

Woher kommt die Angst? Wer sollte es ausgerechnet auf mich abgesehen haben? Ich bin keine verdammte Mafia-Anwältin. Ich mache nur Telefonberatung.

Verschwinde von hier, Kosra Borg.

Das Seidenpapier im Inneren des Umschlags raschelt. Das Seil am Deckenbalken knarzt. Ich stoße mich von der Wand ab und will mich zur Tür drehen, als ich Schritte auf der Treppe vernehme.

Hastig stopfe ich den Umschlag in meine Hosentasche. Ich weiche in den Raum zurück, blicke mich nach einer Waffe oder einem Versteck um, doch zu spät.

Es ist Schwester Erika. Schwer atmend bleibt sie auf der obersten Stufe stehen. Den Leichnam an der Decke kann sie von ihrer Position aus nicht sehen.

«Was zum Teufel machen Sie hier?», faucht sie mich an. Ihre Äuglein hinter den dicken Brillengläsern sind verzerrt.

Außer Atem stürmt sie auf mich zu. Will sie mich eigenhändig aus dem Reich des Herrn Doktor werfen?

Sie bleibt abrupt stehen, als sie den leblosen, vom Deckenbalken baumelnden Körper bemerkt. Sie wendet langsam den Kopf. Versucht den Schmerz hinauszuzögern.

Zuerst hört es sich an, als ob sich ein rostiges Scharnier bewegt, aber dann wird mir klar, dass das Geräusch aus ihrer Kehle kommt. Ihre Lippen beben. Ich hoffe, dass sie schreit, damit ich mit schreien kann, mich ihr anschließen in Wut und Schmerz und Furcht, doch sie schluchzt nur, wimmert und zittert. Am liebsten würde ich ihr eine runterhauen, damit sie ihre Trauer hinausschreit.

Doch ich schweige. Ich stehe nur stumm da und beobachte das Geschehen, als wäre es Ein-Personen-Stück im Theater. Eine Person? Nun, der Mann, der vom Deckenbalken hängt, zählt nicht mehr, der muss nicht mehr besetzt werden. Da reicht eine Puppe.

Ein Ein-Personenstück mit einer Ein-Personenzuschauerin. Erika tritt zögernd auf den schlaffen Körper zu. Ihr ist klar, dass da nichts mehr zu machen ist, und so quält sie uns nicht mit dem unnötigen Versuch, den schweren Männerleib aus der Schlinge zu befreien. Irgendwo habe ich gelesen, dass Erhängte üble Rülpsgeräusche von sich geben, wenn sie abgehängt werden. So etwas brauche ich nicht. Mir reicht das knarzende Geräusch des strapazierten Seils am Deckenbalken.

Erika geht vor der Leiche auf die Knie und ich fürchte schon, sie will die graubesockten Füße des Arztes küssen, doch sie verharrt mit gesenktem Kopf, die Hände im Schoß verborgen. Was tut sie? Betet sie?

«Du hättest nicht zurückkehren dürfen,» murmelt sie. Es dauert eine Weile, bis ich kapiere, dass ich gemeint bin.

Hat Vagts nicht etwas Ähnliches zu mir gesagt.

Nicht zurückkehren dürfen.

Was soll das heißen? Zurückkehren? Ich bin nie zuvor hier gewesen. Weder in Totenbruck, noch in diesem Haus.

Immer noch auf Knien wendet sie den Kopf zu mir um und fährt fort: «Du kannst nicht entkommen. Du kannst dich nicht verstecken. Niemand entgeht seinem Schicksal.»

Ich schlucke. Was will sie von mir? Ich habe keine Ahnung, wovon sie spricht. Entkommen? Verstecken? Mein Schicksal? So ein Schwachsinn.

Lasst mich in Ruhe. Dies ist ein schreckliches Missverständnis. Ich bin nicht die, für die ihr mich haltet.

«Sie verwechseln mich,» sage ich schwach. Ich bekomme keine Luft. Ich muss endlich hier fort.

Sie lacht auf und als ihr Lachen in ein bitteres Grinsen übergeht bemerke ich Speichel in ihrem Mundwinkel.

«Belüg' dich nur selbst,» keift sie. «Ich habe dich durchschaut. Glaubst du etwa, ich hätte dich nicht sofort wiedererkannt?»

Wieso wiedererkannt?

«Woher…?» fange ich an, doch sie unterbricht mich.

«Du warst schon als Kind falsch und verschlagen. Mir machst du nichts mehr vor.»

«Als Kind?»

«Neun Jahre warst du damals alt. Tu‘ nicht so, als hättest du alles vergessen. Niemand hat vergessen, was du angerichtet hast!»

Angerichtet? Als ich neun Jahre alt war, habe ich bei einem Unfall meine Eltern verloren. Was soll ich da angerichtet haben? Und was kann der Unfall meiner Eltern mit diesem Ort zu tun haben?

Ich bin verwirrt. Das zumindest ist ihr gelungen. Sie hat mich aus der Fassung gebracht. Doch bevor ich mich recht versehe, höre ich mich sagen: «Es war ein Unfall.»

Und nochmal: «Es war ein Unfall!» Diesmal spucke ich ihr die Worte entgegen, als könnte ich sie damit zum Schweigen bringen. Als müsste sie das Unbegreifbare begreifen. Dabei weiß ich im Grunde genommen selbst nicht genau, was ich damit sagen will.

«Du bist nicht die Auserwählte», faucht sie, als hätte sie mir gar nicht zugehört. Oder bin ich es, die nicht zuhört?

Mir ist, als würde mir der Boden unter den Füßen fortgezogen.

Die Auserwählte.

Ich wanke. Jetzt bloß nicht ohnmächtig werden, nicht in Gegenwart dieser Hexe, sonst bin ich endgültig verloren.

Dann gehörst der Katz'.

Die Auserwählte.

Weshalb rast dieser Scheißbegriff durch mein Hirn wie das Echo einer Pistolenkugel, die immer wieder von den Wänden abprallt?

Die Auserwählte.

Ich stolpere zur Tür. Ich halte mich am Türrahmen fest, um nicht schon auf der ersten Stufe zu stürzen.

Erika hat sich von mir abgewandt. Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie sie einen der kalten Füße des Doktors nimmt und zärtlich an ihre Wange drückt, bis ihr die Brille verrutscht. Alles geschieht wie in Zeitlupe, was es noch unerträglicher macht.

Doktor von Bargen ist besser als jeder Krankenhausarzt, das können Sie mir glauben. Ich arbeite schon seit über fünfzig Jahren für ihn.

Auf wackligen Beinen eile ich die Treppe hinunter. Ein Wunder, dass ich nicht falle, auch wenn ich mich längst in einen Abgrund gestoßen wähne.

Die Auserwählte.

Warum hat dieses Wort eine solche Bedeutung für mich?

Ich bin nicht die Auserwählte. Was wollen sie von mir? Ich bin es nicht. Ich bin nicht sie. Ich bin…

Hör‘ auf. Hör‘ endlich auf!

Ich stürme mit letzter Kraft durch die Haustür und übergebe mich in den Birkenwald. Viel ist es nicht, aber es ist ja auch nicht mehr viel von Kosra Borg übrig, abgesehen von einem abgelaufenen Anwaltsausweis und einem zerknitterten Briefumschlag mit einem Namen - geschrieben von einem Toten.

Und schon habe ich erneut kein Gefühl mehr von mir selbst. Mein Gesicht spiegelt sich im dunklen Wasser einer Pfütze.

Ich bin die Auserwählte. Ich bin nicht die Auserwählte. Er liebt mich. Er liebt mich nicht.

Plötzlich bricht ein Sonnenstrahl durch die Wolken und mein Spiegelbild verschwindet.

Ich löse mich vor meinen eigenen Augen in Licht auf.

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© 2019 Andreas Riehn
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