Kapitel 12

Ich sitze auf der Picknickbank und halte die Ausweiskarte mit zitternden Händen. Dieses kleine Stück Plastik ist der Beweis. Ich bin nicht verrückt. Das ist entscheidend. Ich habe mich nicht getäuscht.

Ich habe mich nicht in mir getäuscht.

Ich heiße nicht Nadia Westhoff. Mein Name ist Kosra Borg, ich bin Rechtsanwältin, geboren am 9. Juni 1983, mit neun Jahren zur Vollwaisen geworden und danach von einem liebevollen Adoptivvater großgezogen: Carsten Borg. Ich darf gar nicht an ihn denken, sonst überwältigen mich die Gefühle endgültig. Ich schicke einen kurzen Dank zum Himmel oder wo auch immer er sich jetzt befinden mag.

Ich stecke den Ausweis ein.

Es ist wichtig, dass ich von hier wegkomme. Weit und breit kein Auto zu sehen oder zu hören. Es kann Stunden dauern, bis eines vorbeikommt, und mir gefällt der Gedanke nicht, hier rumzusitzen und auf Hilfe zu hoffen. Doch aufs Geratewohl in die Richtung zu marschieren, in der Vagts verschwunden ist, erscheint mir keine gute Alternative zu sein. Ich habe keine Ahnung, wie spät es ist und wie weit der nächste Ort entfernt liegt. Also zurück ins Hotel und von dort ein Taxi rufen. Das scheint mir die sinnvollste Lösung zu sein.

Als ich zurück auf die Straße trete, fällt mein Blick auf das reetgedeckte Haus, versteckt in dem kleinen Birkenwald. Das Haus des Doktors ist von meiner Position aus kaum zu erkennen.

Der Gedanke, ihm oder seiner grauenvollen Krankenschwester ein weiteres Mal zu begegnen, behagt mir gar nicht. Solange ich nicht weiß, was hier los ist, werde ich vorsichtig sein. Sie haben mir irgendetwas in den Tee getan, um mich ruhig zu stellen. Das macht sie verdächtig.

Sie haben irgendwas mit der Sache zu tun, daran besteht kein Zweifel. Die Frage ist nur, was?

Trotzdem beschließe ich, mich in die Höhle des Löwen zu begeben. Ich werde mich von ihnen kein weiteres Mal betäuben lassen und körperlich stellen sie keine Bedrohung dar. Außerdem wäre dies die schnellste Möglichkeit, an ein Telefon zu gelangen.

Als ich näherkomme, schimmern die Umrisse des Hauses durch die Bäume. Zeit für die Nachuntersuchung.

Die Bauernkate ist beinahe vollständig von Ranken bedeckt. Der gemauerte Schornstein ist dunkel von Moos und Flechten. Sie wirkt wie ein Hexenhäuschen. Die tiefhängenden Wolken, die über die umgebende Marschlandschaft vom Wind getrieben werden, tun ein Übriges. Es wird Regen geben. Falls ich hier vielleicht keine Antworten erhalte, so werde ich mir vom Telefon des Arztes ein Taxi rufen. Nicht zurück zum Hotel, sondern weg von hier. Die Sachen im Hotel gehören mir nicht, von mir aus kann sie abholen oder behalten, wer will.

Um Haus und Wald ist ein verwitterter Jägerzaun gezogen. Dieser hier hat seine beste Zeit lange hinter sich, das Holz ist grau und die Latten schief und teilweise gespalten. Er passt zu der sich hinter dem Wald in die Marsch duckenden windschiefen Bauernkate.

Auf dem weißen Messingschild steht: „Dr. Alexander von Bargen, Allgemeinarzt. Privat. Termine nach Vereinbarung.“

Keine Klingel.

Der Wind fegt ums Haus, die Bäume wiegen sich und das Gartentor, das sich nicht wieder schließen lässt, quietscht in rostigen Angeln, aber im Gebäude bleibt es totenstill. Kein Geräusch dringt heraus. Entweder ist von Bargen ausgeflogen oder er hat sich nach seinem anstrengenden Nachteinsatz hingelegt und schläft tief und fest. Auf gar keinen Fall werde ich unverrichteter Dinge wieder abziehen.

Das Birkenwäldchen neben dem Haus riecht nach uralten, feuchten Geheimnissen.

Die Haustür ist nicht verschlossen und springt auf, als ich die Türklinke drücke.

Ich schiebe sie auf und trete ein.

«Hallo? Doktor von Bargen?»

Keine Antwort.

Das ist nicht nur eine Praxis. Es ist auch die Wohnung des Arztes.

Mir geht das Wort Hausfriedensbruch durch den Kopf, ein weiterer Beweis, dass ich, ich bin und wieder ganz berufsmäßig in strafrechtlichen Tatbeständen denke.

Andererseits bin ich seine Patientin. Was kann schon strafbar daran sein, zur Nachuntersuchung zu erscheinen? Ich bin dankbar, meine Ironie wiedergefunden zu haben, selbst wenn die Vorstellung, von Bargens Patientin zu sein, mir die Nackenhaare aufstellt. Es ist beruhigend, wieder die Anwältin in mir zu wissen. Dabei gehöre ich nicht zu den Menschen, die sich über ihren Beruf definieren, obwohl ich mich für meinen ganz bewusst entschieden habe. Doch das ist eine andere Geschichte. Ich möchte jetzt nicht an meinen Adoptivvater denken. Nicht, weil ich mich nicht gerne an ihn erinnere. Er war ein liebevoller Vater und ich vermisse ihn. Aber meine Entscheidung, Anwältin zu werden hängt mit seinem Tod zusammen, besser gesagt mit seinem qualvollen Sterben, seinem Leiden und Dahinsiechen.

Vom Korridor hinter der Eingangstür führt eine Treppe in das obere Stockwerk, das nur ein besserer Speicher sein kann, wenn ich die Proportionen des Hauses richtig einschätze. Auf der linken Seite befindet sich eine kleine, aufgeräumte Küche. Ist von Bargen verheiratet? Ich stelle ihn mir als alleinstehenden Mann vor, in Symbiose mit Schwester Erika verbunden, wie ein Priester mit seiner Haushälterin.

«Hallo? Ist hier jemand?»

Keine Antwort. Ich schließe die Eingangstür hinter mir. Auf der rechten Seite sind zwei weitere geschlossene Türen. Ich klopfe an die erste. Nichts. Ich öffne sie. Ein Behandlungsraum. Weiße metallene Schränke an den Wänden, mit Milchglastüren, hinter denen sich schemenhaft braune Medizinflaschen und Medikamentenboxen abzeichnen. Eine mit Krepppapier überzogene Liege an der gegenüberliegenden Wand unter dem Fenster. Der Schreibtisch ist ein wuchtiges Möbelstück aus dunklem, poliertem Holz mit einem schwarzen Ledersessel dahinter.

Die Praxisausstattung wirkt gepflegt, aber alt. Die Gegenstände haben bestimmt 50 Jahre auf dem Buckel – solange dient Schwester Erika nach ihren eigenen Worten dem «Herrn Doktor» ja nun schon.

An der Wand eine Abbildung des menschlichen Körpers, die die einzelnen Muskelschichten und die inneren Organe zeigt. Der Schädel ist ebenfalls von der Haut befreit, so dass mich leere Augäpfel ohne Lider anglotzen und Zähne ohne Lippen angrinsen. An jedem freien Stückchen Wand hängen gerahmte Schaubilder des Herzens und anderer innerer Organe, sowie des Mundes und des Rachens.

Kein appetitlicher Anblick und dennoch rumort mein Magen und erinnert mich daran, dass ich noch nichts gefrühstückt habe. Trotz der Ereignisse der letzten Nacht fühle ich mich nicht länger flau oder schwindlig, nur die Kopfschmerzen sind nicht ganz verschwunden, was aber daran liegen kann, dass ich baldmöglichst etwas trinken sollte.

Der Raum ist aufgeräumt, auf dem Schreibtisch sind die wenigen Utensilien, eine grüne Kunststoffunterlage und die Schreibgeräteablage pedantisch im rechten Winkel angeordnet. Ein dicker schwarzer Füllfederhalter mit einem weißen Stern auf der Kappe liegt parallel ausgerichtet zum oberen Rand der Unterlage auf dem giftgrünen Plastik. Daneben ein Telefon mit Wählscheibe.

Ein Wählscheibentelefon. Warum erstaunt mich das nicht?

Schlachter.

Kolonialwarenladen.

Dieser Ort ist wahrlich aus der Zeit gefallen.

Dazu passt, dass sich in dem Raum kein Computer befindet, nicht mal ein simples Notebook. Vermutlich hat der Doktor keine Lust, mit der Zeit zu gehen (hat das überhaupt jemand in diesem Kaff?) und sich mit modernen digitalen Geräten herumzuschlagen, die einem am Ende ja doch nur die Arbeit abnehmen, die man ohne sie nicht hätte, wie es so schön heißt. Wahrscheinlicher ist, dass er aufgrund seines Alters die Technik meidet.

Ich mache einige Schritte in den Raum. Es riecht nach Desinfektionsmitteln. Beim Nähertreten erkenne ich, dass das am Fenster gar keine Liege ist. Unter dem Krepp ist keine gepolsterte Auflage, sondern nackter, kalter Stahl. Eindeutig ein Seziertisch. Eine Rinne umfasst die Liegefläche, welche die auslaufenden Körperflüssigkeiten aufnehmen soll.

Ich verlasse das Zimmer und folge dem Korridor zur zweiten Tür. Ich klopfe und rechne schon so an das Ausbleiben einer Antwort, dass ich, ohne abzuwarten, eintrete und abrupt innehalte. Die Unordnung und der Schmutz in dem Raum überwältigen mich. Das Fenster ist mit schweren braunen Stoffen verhängt, aber das ungemachte Klappbett an der Wand und die auf dem Boden verstreuten Teller mit Essensresten, unordentlich abgelegten Kleidungsstücke und überall herumliegenden Blätter und Bücher sind auch im Dämmerlicht deutlich zu erkennen. Ein Geruch nach Erde und Fäulnis hängt im Raum, irgendwie süßlich modrig, was an den verschimmelten Essensresten auf den Tellern liegen mag. Unwillkürlich muss ich an den Geruch im Hotelzimmer denken, aber dies ist nicht der Duft eines Parfums, sondern der Gestank der Verwesung.

Ich taste nach einem Lichtschalter und finde einen alten Drehschalter, der sich zwar mit einem Klackgeräusch bewegen lässt, aber nicht funktioniert. Erst jetzt fällt mir auf, dass von der Decke eine leere Glühlampenfassung an einem Kabel baumelt.

Ist das etwa das Schlaf- und Wohnzimmer des Arztes? Ich kann den verwahrlosten Raum so gar nicht mit der akkuraten Erscheinung des alten Mannes in Verbindung bringen, ebenso wenig mit dem aufgeräumten Behandlungszimmer nebenan.

An den Wänden hängen vollgekritzelte Landkarten von verschiedenen Ländern und Kontinenten sowie eine einzelne Weltkarte, auf der vor lauter mit Filz- und Kugelschreiber gezeichneten Kreisen und Linien die Erdteile kaum mehr unterscheidbar sind. Dazwischen unzählige Bilder, teils Zeichnungen, teils Fotografien, wobei die meisten offenbar das Innere von Höhlen oder auch ägyptische Grabkammern zeigen, was ich an den Hieroglyphen und Sarkophagen festmache, die darauf zu erkennen sind. Aber auf keinem Foto ist ein Mensch zu sehen oder sonst ein Lebewesen.

Auf mit kruden Zeichen und Symbolen bekritzelten Kisten am Boden stehen archaisch wirkende Votivstatuen und Masken, die mich an Ausstellungen im Völkerkundemuseum erinnern, grobe Fratzen und finster erscheinende Gestalten. Überall sind Glasbehälter, Flaschen und Einmachgläser, aufgereiht, die mit Korken oder Klebeband verschlossen sind. In den größeren Gefäßen schwimmen in einer trüben Brühe grauenhafte Gestalten, von denen ich hoffe, dass es sich um Tierpräparate handelt und nicht um menschliche Leichenteile.

Nur ein einziges vergilbtes Poster ist nicht vollgekritzelt oder verunstaltet. Es zeigt ein prähistorisches Meer mit langhalsigen Unterwassersauriern und urzeitlichen Raubfischen mit gezackten Zahnreihen. In der Mitte des Bildes schwebt ein Monster durch die grünblauen Fluten. Ein plumper grauer Körper mit Klauen an muskulösen Armen und Beinen, die an die Krallen von Raubsauriern erinnern, wenn da nicht die Schwimmhäute wären. Statt Maul oder Nase wachsen aus seinem Kopf schleimige Tentakel. Seine Augen stieren mich an, wie zuvor die Augäpfel der anatomischen Darstellung.

Vagts Vortrag über das Urmeer fällt mir wieder ein.

Das war alles eine riesige Lagune hier. Können Sie sich das vorstellen?

Dann springt mir eine der groben Zeichnungen an den Wänden ins Auge und mir wird schlecht. Eine Schlange mit Hörnern. Wie das Vieh in meinen Alpträumen. Es ist überall: bei den Hieroglyphen, den Symbolen auf den Holzkisten und den Etiketten der Weckgläser.

Hastig drehe ich mich um und ziehe die Tür hinter mir zu. Sie knallt ins Schloss. Falls meine Ankunft hier im Haus bislang nicht bemerkt worden sein sollte, dann jetzt.

Ich presse mir die Hand vor den Mund und widerstehe dem Impuls, zu verschwinden.

Warum nicht? Was suche ich hier? Von Bargen ist offensichtlich nicht zu Hause.

Ich bleibe stehen. Ich bin mit dem Haus noch nicht fertig. Also schlucke ich die Galle hinunter, die mir die Kehle hinaufsteigt und nach einigen Sekunden habe ich meine Fassung wiedergefunden. Es ist mir egal, ob ich erwischt werde. Wer immer mich überraschen sollte, ist mir Rechenschaft schuldig – nicht umgekehrt.

Unterhalb der Treppe befindet sich eine weitere Tür. Das Badezimmer und die Toilette. Mein Magen hat sich wieder beruhigt. Ich werde die Kloschüssel nicht benötigen. Der Raum wirkt sauber und akkurat, wie zuvor das Behandlungszimmer. Es riecht nach scharfen Desinfektionsmitteln, die das verwahrloste Zimmer dringend nötig hätte. Auf der Ablage über dem Waschbecken sind Rasierpinsel, Klinge und eine Zahnbürste in einem blauen Plastikbecher ordentlich aufgereiht.

Ich schließe die Tür und gehe zurück zur Treppe. Die Stufen knarren unter meinen Schritten und führen mich in ein ausgebautes Dachzimmer. Das Dachgeschoß ist größer, als ich erwartet habe. Licht fällt durch ein Deckenfenster in den Raum, der sich über den gesamten Dachboden erstreckt.

An der gegenüberliegenden Wand ein Regal voll mit schweren in Leder gebundenen Büchern. Daneben hölzerne Masken, wie die in dem stinkenden Zimmer im Erdgeschoss, nur dass diese ordentlich aufgehängt sind und weil es heller ist. Ich wappne mich gegen weitere Darstellungen der gehörnten Schlange, doch zum Glück kann ich nichts dergleichen entdecken.

In einer Vitrine, die an die Medizinschränke im Behandlungszimmer erinnert, stehen zwei Tongefäße, die mit fremdartigen Schriftzeichen bemalt sind. Sie ähneln denen auf den Holzkisten im Erdgeschoss, aber zum Glück ist keine Schlange dabei. Ein drittes Tongefäß scheint zu fehlen. Eine Lücke zwischen den beiden anderen Gefäßen deutet darauf hin.

Neben dem Schrank steht ein Ohrensessel mit einem kleinen Beistelltisch davor, auf dem eine Flasche Wein und ein halb geleertes Glas stehen.

Unter dem Dachfenster ein ordentlich gemachtes Bett mit Tagesdecke. Ich spüre sofort, dass dies der Wohnraum des Arztes sein muss, denn alles hier passt besser zu ihm, als das Chaos in dem Raum im Erdgeschoss. Erst als ich mich zur Seite wende, entdecke ich den Arzt. Ich sehe sofort, dass er mir keine Fragen mehr beantworten wird. Und eine Gefahr geht erst recht nicht mehr von ihm aus. Sein schlaffer Körper baumelt von der Decke. Erhängt mit einem groben Seil, das um einen Dachbalken geknüpft ist. Unter seinen Füßen liegen die braunen Lederschuhe wie achtlos abgeschüttelt. Daneben ein umgestoßener Schemel.

Mein Herz schlägt mir bis zum Hals und ich will den Blick abwenden von dem aufgedunsenen Gesicht, den halb geschlossenen Lidern, durch die die gebrochenen, milchigen Augen ins Leere starren und der bläulichen Zunge, die angeschwollen aus seinem Mund drängt, als mir der Briefumschlag ins Auge fällt, der neben einem der Schuhe liegt.

In dunkler Tinte steht mein Name auf dem Papier.

«Frau Rechtsanwältin Kosra Borg. Persönlich.»

Das Wort ‹Persönlich› doppelt unterstrichen.

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