Kapitel 11

Draußen ziehen dunkle Wolken mit schwerer Last über den Ort. 

Totenbruck.

Der Name findet in dem, was ich erblicke, kein bisschen Widerspruch. Der Ort wirkt wie aus der Finsternis herausgemeißelt. Die Zeichen der Vernachlässigung sind überall sichtbar. Ich kann es nicht anders ausdrücken, will ich nicht unterstellen, dass ich eine unfreiwillige Zeitreise unternommen habe. Die Vergangenheit ist hier konserviert. Die Häuser sind entweder aus fast schwarzen Ziegelsteinen gefertigt oder aus grauen beziehungsweise braunen Schindeln. Die Mauern rissig, die Wege aufgesprungen. Überall holprige Backsteinbürgersteige, die das Kopfsteinpflaster säumen. Die kleinen Ladengeschäfte heißen «Kurzwaren Umgelter» und «Kolonialwaren Tiedemann». Kolonialwaren!

Der Laden auf der anderen Seite des Platzes vor dem Hotel nennt sich «Schlachter Moormann». Ich meine: Schlachter! Metzgerei oder Fleischerei ist nicht besser, aber ‹Schlachter›?

Wir sitzen in einem Kastenwagen, der sich in einem erstaunlich gut erhaltenen Zustand befindet. Ich kenne mich mit Autos nicht aus, aber das ist ein echter Oldtimer.

Mir fällt vor allem auf, dass es keinen Schalthebel gibt, sondern einen Schaltknüppel. Mein Adoptivvater hat ihn immer als Krückstockschaltung bezeichnet, weil der Hebel, der unter das Armaturenbrett führt, aussieht wie das Griffstück eines Krückstocks.

Durch das Seitenfenster versuche ich, irgendetwas zu entdecken, was mir bestätigt, dass ich mich im 21. Jahrhundert befinde. Auf keinem der Häuser ist eine Fernsehantenne angebracht. Nirgends ein Mobilfunkmast, aber da mein Handy verschwunden ist, kann mir das im Augenblick egal sein. Mein Blick geht sehnsüchtig zum Himmel, doch es ist unmöglich, zu erkennen, ob hinter den Wolken Kondensstreifen ein Anzeichen dafür sind, dass die Zivilisation wenigstens hypothetisch erreichbar ist.

Simon Vagts hält das Lenkrad so verkrampft, als wäre dies seine erste Autofahrt. Seit unserer Abfahrt haben wir kein Wort gewechselt, was ich angesichts der Situation auch nicht verwunderlich finde. Doch nun ist es an der Zeit, das Schweigen zu brechen.

«Haben Sie mich gestern gesehen, als ich angekommen bin?», frage ich ihn. Seine Hände umklammern das Lenkrad jetzt so fest, dass seine Knöchel ganz weiß werden.

«Ich meine, als ich eingecheckt habe? Sie bringen doch bestimmt das Gepäck auf die Zimmer?»

Er schüttelt den Kopf.

«Wie jetzt? Sie haben mich nicht gesehen oder Sie bringen das Gepäck nicht auf die Zimmer?»

«Ich hatte gestern Nachmittag frei,» gibt er stockend zur Antwort und als er merkt, dass ich dagegen kaum etwas einwenden kann, entspannt er sich wieder.

«Doris kümmert sich um die Rezeption.»

«Doris?»

«Doris Kapp. Meine Chefin. Ihr gehört das Hotel.»

«Ach, die freundliche Dame von vorhin?», erwidere ich und es kostet mich Mühe, meinen angestauten Frust nicht an dem Burschen auszulassen.

«Sie ist ganz in Ordnung.»

Hat er meine sarkastische Antwort etwa durchschaut. Vielleicht ist er ja doch nicht so einfältig, wie er auf den ersten Blick wirkt.

«Hat Doris etwas über meine Ankunft gestern gesagt?»

«Häh?»

«Ich meine, welchen Eindruck ich auf sie gemacht habe?»

Ich weiß selbst nicht genau, worauf ich hinauswill. Soll er mir etwa bestätigen, dass ich schon gestern den Eindruck machte, nicht ganz richtig im Kopf zu sein?

«Doris beurteilt die Leute nicht nach dem ersten Eindruck.»

«Wie löblich.» Geh' sparsam mit der Ironie um, ermahne ich mich.

«Jeder ist anders», ergänzt Vagts, ohne dass mir klar wird, wie er das meint. Ich weiß nur, dass ich nicht bloß anders, sondern eine Andere bin.

Während ich diesem Gedanken nachhänge, erblicke ich hinter den geduckten Dächern des Ortes zwei hoch aufragende Schornsteine.

«Ist das nicht die Fabrik, die Sie mir vorhin auf dem Bild im Flur gezeigt haben?»

Mir ist nicht nach Smalltalk. Die Frage kommt mir spontan über die Lippen. Ich denke an den Friedhof. Teufelsacker. Ob dieser Friedhof wohl existiert?

Was soll es schon bedeuten, wenn dort ein Grabstein mit den Initialen K.B. steht?

«So ist es,» meint Vagts knapp. Dann fährt er sich mit der flachen Hand über sein Kinn, das von einem hellen Flaum bedeckt ist.

«Hat diesen Ort großgemacht,» fügt er an und ich muss mich sehr zurückhalten, nicht zu fragen, was er denn unter «groß» versteht. Sein Stolz ist deutlich herauszuhören und es wäre kontraproduktiv, ihn durch eine abwertende Bemerkung gleich wieder abzuwürgen.

Ich kann keinen Rauch aufsteigen sehen, deshalb hake ich nach: «Ist die Fabrik noch in Betrieb?»

Oder ist Sonntag? Ich weiß nicht einmal, welcher Tag heute ist. Donnerstag? Gestern war mein erster Telefondienst in dieser Woche und da ich mir den Dienstag immer freihalte, muss es Mittwoch gewesen sein.

«Ist schon lange stillgelegt», beantwortet Vagts meine Frage. «Es stehen eigentlich nur noch die Schornsteine und Teile der Fabrikhalle. Mein Vater und mein Großvater haben dort gearbeitet. Ich hätte es auch gern getan, aber als sie die Fabrik geschlossen haben, war ich erst fünfzehn. Schade. Sehr schade.»

Eine Zementfabrik. Ich weiß, wozu Zement benützt wird, aber wie er hergestellt wird, ist mir schleierhaft.

Vagts scheint meine Unwissenheit zu spüren. Er wirkt dankbar, ein unverfängliches Thema anschneiden zu können, bis wir unser Ziel erreicht haben.

«Die Kreide war natürlich entscheidend,» erklärt er. «Hier überall im Boden befindet sich Kreide, also Kalkstein, und den braucht man zur Zementherstellung. Und natürlich Ton, aber den gibt es hier in Hülle und Fülle.»

Die Straße führt uns näher an die stillgelegte Fabrik heran und ich erkenne, dass von der Fabrikhalle nur ein rostiges Gerippe übrig ist. Müsste es nicht so etwas wie Förderbänder geben, die zu dem Abbaugebiet führen? Ich sehe einen alten Kipplaster, einen von diesen Riesendingern, die auf Baumessen immer die Besucher anziehen, die sich dann vor Reifen fotografieren lassen, die mehr als doppelt so groß sind wie ein durchschnittlicher Erwachsener. Von hier aus sieht der Laster aus wie ein Spielzeug.

Ein Spielzeug. An dem Gedanken bleibe ich hängen. Ist das alles hier nur ein Spiel? Doch warum sollte sich jemand die Mühe machen, ausgerechnet mir einen solchen Streich zu spielen?

«Und wissen Sie es?»

Ich habe Vagts und seinem Vortrag nicht mehr zugehört.

«Was weiß ich?»

«Na, aus was Kalkstein besteht?»

Ich zucke mit den Schultern. Mich interessiert eigentlich nur, was hier mit mir geschieht.

«Es sind versteinerte Ablagerungen von Seetieren. Das war hier vor Jahrmillionen nämlich mal alles ein Meer, ein riesiges urzeitliches Meer.» Und während Vagts in seinem Singsang über die Geschichte des Urmeeres berichtet, von versteinerten Muscheln und Seeigeln erzählt, nagt an mir ein einziger Gedanke: Was mache ich hier überhaupt? Was soll der Quatsch? Das ist doch alles Irrsinn.

Hau ab. Nimm‘ die Beine in die Hand und überlass diese Hinterwäldler ihrem Schicksal und ihrem Wahnsinn.

Es ist sinnlos, mich hier von diesem Jungen durch die Gegend kutschieren zu lassen. Wieso habe ich mich im Hotel nicht nach einem Telefon erkundigt? Ich muss hier weg, das ist die einzig vernünftige Lösung.

«Rufen Sie mir ein Taxi!», sage ich unvermittelt. Vagts scheint mich im ersten Moment gar nicht gehört zu haben.

«Das war alles eine riesige Lagune hier,» führt er seinen Vortrag fort und macht mit dem Arm eine ausholende Bewegung. «Solche Lagunen gibt es heute gar nicht mehr.» Ich sehe verkrustete Schweißflecke unter seinen Achseln.

«Können Sie sich das vorstellen?»

«Rufen Sie mir ein Taxi!», wiederhole ich etwas energischer. Er soll endlich aufhören mit seinem Geschwätz.

«Wie meinen Sie das?»

«Wie ich das meine?» Ich fasse es nicht. «Na, holen Sie Ihr Handy raus und rufen Sie mir ein Taxi!»

Er antwortet nicht. Er starrt geradeaus und seine Hände, die eben auf das imaginäre Urmeer deuteten und mit lockeren Bewegungen seine Ausführungen unterstrichen, krampfen sich erneut um das Lenkrad.

«Haben Sie nicht gehört? Sie sollen anhalten und mir ein Taxi rufen.»

Wir haben den Ort verlassen. Mir ist kein Ortsausgangsschild aufgefallen, aber hier stehen keine Häuser mehr, nur vereinzelt eine baufällige Scheune, ansonsten nur Weiden und Felder soweit das Auge reicht.

«Jetzt machen Sie schon.»

«Das geht nicht,» erwidert er sofort und seine Hände umkrallen das Lenkrad. Ihm bricht der Schweiß aus.

Was macht er für ein Theater? Er soll froh sein, mich loszuwerden. Es kann nicht so schwer sein, mir ein Taxi zu rufen. Wir sind hier ja nicht im Mittelalter. Obwohl?

«Was soll das heißen, es geht nicht?»

«Ich habe kein Handy.»

Soviel zum Thema Mittelalter. Wenigstens weiß er, was ein Handy ist.

«Dann fahren Sie mich zurück zum Hotel. Ich werde mir von dort ein Taxi rufen.»

«Wir sind aber gleich da.»

Vor uns taucht ein kleiner Birkenwald auf, in dem sich ein reetgedecktes Haus versteckt hält. Es befindet sich in einer natürlichen Mulde inmitten des Wäldchens, dessen Kronen das Dach überschatten. Das muss das Haus des Doktors sein. Jedenfalls hängt ein an den Rändern verrostetes weißes Praxisschild schief am hölzernen Gartentor. Die Aufschrift kann ich nicht entziffern.

«Ist das das Haus des Doktors?»

Vagts nickt, ohne mich anzuschauen. Was glaubt er? Dass ich mich wieder eingekriegt habe? Ich bin hin und hergerissen und komme mir lächerlich vor. Ich war es doch, die darauf bestanden hat, hierher gefahren zu werden.

Bestimmt löst sich gleich an der Stelle alles in Wohlgefallen auf und mein Wagen steht am Straßenrand vor einem Picknickplatz.

So wird es sein und diese Gewissheit lässt mich erkennen, dass ich mich verdammt hysterisch benommen habe. Ich will mir gerade eine Entschuldigung abringen, als Vagts den Wagen stoppt.

Wir befinden uns einen halben Kilometer hinter dem Haus im Birkenwäldchen. Direkt vor uns steht ein Picknicktisch mit zwei Bänken auf jeder Seite. Alles aus verblichenem bunten Plastik, wie ich es in der vergangenen Nacht im Scheinwerfer meines Wagens erkannt habe.

Sofort keimt Hoffnung in mir auf. Das muss das Ensemble sein, an dem ich gestern mit meinem Auto zum Stehen gekommen bin, doch von meinem Auto fehlt weit jede Spur.

Ich steige aus und schaue mich um. Kein Zweifel, das ist der Rastplatz. Solch scheußliche Sitzgelegenheiten wird es kaum ein zweites Mal geben.

Von der Landschaft habe ich nicht viel gesehen, aber war da nicht eine Baumreihe auf der anderen Straßenseite? Hier stehen nur einige Büsche und Bäume um den Rastplatz herum, aber nicht am Straßenrand. Auch glaube ich, mich an eine sanfte Kurve erinnern zu können, während die Straße vor uns scheinbar schnurgerade bis zum Horizont reicht. In einiger Entfernung ist ein ausgedehntes Waldgebiet zu erkennen, aber es ist nicht weiter verwunderlich, dass mir das gestern in der Dunkelheit nicht aufgefallen ist. Habe ich nicht den Mond aufgehen sehen? Unmöglich hinter dem Wald. Oder war das vorher? Verdammt. Ich weiß es nicht.

So sehr ich mich anstrenge, ich kann mich nicht genau an die Situation mit der Motorradfahrerin erinnern. Es war zu dunkel, deswegen kann ich nicht ausschließen, dass es sich wirklich hier zugetragen hat. Jetzt kommt es darauf an, Vagts die richtigen Fragen zu stellen und sich von ihm keinen Bären aufbinden zu lassen.

Vagts hat den Wagen so geparkt wie ich gestern mein Auto. Wir steigen aus. Er stellt sich neben den Kastenwagen und kaut nervös auf seiner Unterlippe herum. Sein Unwohlsein angesichts der Situation steht ihm ins Gesicht geschrieben. Warum nur? Immerhin hat er mich doch gerettet, wenn an seiner Geschichte irgendetwas dran ist.

„Ich habe mich noch gar nicht bei Ihnen bedankt,“ säusele ich.

Er wird rot. Wie süß. Ich muss aufpassen, kein Mitleid mit dem Jungen zu empfinden.

«So wie es aussieht, haben Sie mir das Leben gerettet,“ füge ich hinzu und finde selbst, dass ich übertreibe. Ich bin kaum verletzt, denke ich und merke, wie töricht dieser Gedanke ist. Ich hatte keinen Unfall. Ich bin nicht die Motorradfahrerin. Ich darf das wirkliche Geschehen nicht vergessen.

«Was haben Sie hier gestern so spät eigentlich noch gemacht? Oder waren Sie auf dem Heimweg von der Arbeit?»

«Ich sagte doch schon, dass ich gestern Nachmittag frei hatte.»

Er lässt sich nicht so leicht aufs Glatteis führen.

«Dann kamen Sie bestimmt von einer Feier oder einer…" Sagt man heutzutage noch Disco?

"Waren Sie gestern Abend in einer Disco?»

Er kneift die Augen zusammen und legt den Kopf schief, als hätte ich ihn etwas vollkommen Abwegiges gefragt. Es verstreichen einige Sekunden, bevor er antwortet.

«Ich habe meine Waschbärfallen kontrolliert», sagt er und deutet über seine Schulter auf den Wald im Hintergrund.

«Die Viecher nehmen allmählich überhand.»

Wenn das stimmt, warum kaut er dann nicht nur auf seiner Unterlippe, sondern beißt sie sich blutig.

Wieso diese Anspannung, wenn er hier doch als mein heldenhafter Retter auftreten könnte? Ist dies der Augenblick, ihn damit zu konfrontieren, dass er lügt?

Ich bin nicht die Motorradfahrerin, die er gefunden hat, wenn er sie den gefunden hat. Ich bin nie in meinem Leben Motorrad gefahren und außerdem war ich in einem Auto unterwegs. Meinem Auto, das hier irgendwo versteckt sein muss.

Stattdessen versuche ich, das Spiel einen kleinen Augenblick mitzuspielen, ihn in Sicherheit zu wiegen, damit er sich durch eine unbedachte Bemerkung verrät.

«Können Sie mir zeigen, wo ich lag?»

Sein Mundwinkel zuckt. Er blickt nach unten, fast schüchtern wirkt das, und mir fällt ein, dass ich mal gelesen habe, dass ein Mensch bei einer Lüge instinktiv nach unten schaut. Eine Person hingegen, die sich zu erinnern versucht, schaut nach oben. Oder war es umgekehrt? Ich weiß es nicht mehr. Zu blöd. Außerdem folgen seine Augen eher dem Verlauf der Straße, dort, wo er mich angeblich gefunden hat.

Er geht zur Mitte der Straße und zeigt mit einer ausholenden Bewegung: «Hier ungefähr.»

«Und das Motorrad?»

«Dort!», er deutet auf eine Stelle einige Meter hinter dem Picknickplatz.

«Es war von der Straße gerutscht.»

Das entspricht meiner Erinnerung. Das Motorrad lag nur halb auf der Straße, halb im Gras.

Aber verdammt, das kann nicht sein.

Ich gehe zu dem Punkt, an der ich gelegen haben soll.

Im Asphalt sind frische Kratzer zu sehen, dort, wo das Metall des gestürzten Motorrads über das Pflaster geschrammt sein muss. Ich knie mich hin und folge mit zittrigen Fingern den Kratzern im dunklen Asphalt.

Mein Herz schlägt bis zum Hals. Das ist alles nicht wahr. Dies ist nicht der Ort, an dem ich angehalten habe. An einer der Plastikbänke hängt ein halb verrostetes Schild: „Nehmen Sie bitte Ihren Müll mit nach Hause!“ Das war gestern nicht da. Oder doch? Habe ich das überhaupt in der Dunkelheit sehen können? Ich muss damit aufhören. Ich mache mich selbst verrückt. Zu spät, ruft eine leise Stimme in meinem Kopf, und ich beiße mir auf die Zunge, um sie zum Schweigen zu bringen.

«Sie lügen,» fahre ich ihn an. «Was ist wirklich passiert?»

Vagts weicht instinktiv einen Schritt zurück.

«Ich weiß nicht, was Sie meinen,» sagt er mit zittriger Stimme. «Lassen Sie mich in Ruhe. Sie wollten, dass ich Sie herbringe.»

Er hat Angst, daran gibt es keinen Zweifel. Vor mir? Oder vor den Leuten, die ihn dazu gedrängt haben, mir diesen Bären aufzubinden?

Am liebsten würde ich ihn packen und schütteln, bis er mir die Wahrheit sagt. Er soll mir endlich sagen, wer hinter der ganzen Geschichte steckt.

«Sie wissen genau, was hier gespielt wird. Tun Sie nicht so scheinheilig. Was haben Sie getan?»

«Ich? Ich habe nichts getan. Ich habe den Arzt geholt.»

«Und mich mitten auf der Straße liegen lassen?»

«Nein.»

«Sie haben eine verletzte Motorradfahrerin bewegt? Ohne die Verletzungen zu kennen. Wie leichtsinnig.»

«Nein. Ich…»

Er ist in Panik. Er dreht sich zur Fahrertür um, öffnet sie.

«Bleiben Sie mir vom Leib!» ruft er. «Sie sind ja verrückt!»

Vielleicht bin ich das. Aber, ich weiß, dass ich niemals in meinem Leben ein Motorrad gefahren habe.

«Was ist mit meinem Auto passiert?»

«Da war kein Auto.» Er steigt in den Kastenwagen und schlägt die Tür zu. Bevor ich den Wagen erreiche, hat er die Tür verriegelt. Das Auto ist zu alt für eine Zentralverriegelung, doch ich schaffe es nicht schnell genug zur hinteren Tür. Er hat den Motor gestartet und setzt zurück. Will er mich etwa hier zurücklassen? Er kann doch nicht einfach davonfahren?

Instinktiv packe ich den Türgriff und er zieht mich ein paar Meter mit. Ich lasse los, stolpere und fange mich wieder, bevor ich stürze.

Panisch versucht er, in den ersten Gang zu wechseln. Das Getriebe kreischt oder bin ich das?

«Bleiben Sie hier und sagen Sie mir die Wahrheit!»

Ich stürze erneut zur Fahrerseite und rüttele an der Tür, während er mit der Kupplung hantiert. Nichts. Ich höre, wie der Gang einrastet, doch er würgt den Motor ab.

Mit zittrigen Händen dreht er den Zündschlüssel und ruft: «Sie haben gesagt, dass das passieren wird.»

«Wer hat was gesagt?» schreie ich und rüttele weiter an der Tür. Ich habe vergessen, dass ich es an der hinteren Tür versuchen könnte, solange es ihm nicht gelingt, den Gang einzulegen. Doch da langt er hastig nach hinten und drückt die Verriegelung.

«Sie hätten nicht zurückkehren sollen.»

Was soll das jetzt wieder bedeuten? Ich schlage mit der flachen Hand gegen die Seitenscheibe. Der Motor springt im selben Moment an. Der Kastenwagen macht einen Satz nach vorn und fährt mit quietschenden Reifen davon.

Ich blicke dem Auto nach, bis es als kleiner schmutziger Punkt in der Unendlichkeit verschwindet.

Mir ist schwindelig. Ich taumele zu den Picknickbänken und setze mich.

Nehmen Sie bitte Ihren Müll mit nach Hause.

Ich fahre mir mit der Hand über das Gesicht. Scheiße. Jetzt hocke ich hier ohne Auto und Handy fest. Meine Situation hat sich nicht verbessert.

Sie hätten nicht zurückkehren sollen.

Wie hat er das gemeint? Zurückkehren wohin? An den Unfallort?

Statt Antworten tun sich neue Fragen auf.

Was soll ich jetzt machen? Welche Optionen habe ich? Kann ich ein Auto anhalten, das mich zurück in den Ort bringt oder besser noch: Weit weg von hier?

Keine Ahnung, wann ein Wagen vorbeikommt, und ob der Fahrer überhaupt anhält, wenn er mich sieht. Die durchgeknallte Motorradfahrerin, vor der alle mittlerweile gewarnt worden sind.

Ruhig, sage ich mir, bleib‘ ruhig. Du bist nicht mitten in der Wüste gestrandet, sondern bist noch mitten in Europa, auch wenn es schwerfällt, das zu glauben.

Du hast zwei gesunde Beine. Wie weit können wir schon gefahren sein? Die Fahrt hat keine zwanzig Minuten gedauert. Zu Fuß werde ich eine Stunde brauchen, um zurück nach Totenbruck zu gelangen und mir im Hotel ein Taxi zu bestellen. Das hätte ich als Erstes machen sollen.

Im Hotel werden sie sich kaum weigern, mir eins zu rufen. Sie werden froh sein, die Verrückte endlich los zu sein. Oder?

Mir behagt der Gedanke nicht, nach Totenbruck zurückzukehren, doch welche Alternativen gibt es? Ich habe keine Ahnung, wo sich der nächste Ort befindet. Während ich hin und her überlege, fällt mein Blick auf die Büsche hinter den Plastikbänken. Dort glitzert etwas im Gras.

Nehmen Sie bitte Ihren Müll mit nach Hause.

Ich stehe auf und gehe zu der Stelle.

Da liegt eine Plastikkarte. Ein silbrig glänzendes Hologramm links unten reflektiert das wenige Sonnenlicht, das durch die düsteren Wolken bricht.

Ich hebe die Karte auf.

«Rechtsanwaltskammer,» steht da in fetten Buchstaben und darunter: «Borg, Kosra, geb.: 09.06.1983, Rechtsanwältin.»

Ich weine fast vor Glück. Ich habe mich gefunden, so blödsinnig es klingt, aber mir ist, als wäre ich endlich wieder ich.

Ich.

Ich bin.

Ich.

Jetzt gibt es keinen Zweifel mehr.

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