Kapitel 10

K.B. Weshalb sollte das ausgerechnet Kosra Borg bedeuten? Krieg’ dich wieder ein. Seit wann siehst du an jeder Ecke Gespenster?

Seit ich einer verunglückten Motorradfahrerin helfen wollte und dabei bewusstlos geschlagen wurde? Aufgewacht in einem Hotelzimmer an einem mir vollkommen unbekannten Ort und mir jeder einredet, dass mein Name Nadia Westhoff ist, und ich nicht die bin, für die ich mich halte?

Mach mal halblang. Die Leute verwechseln dich. Das ist alles.

Und der Artikel? Es sind ja nicht allein die Initialen auf dem Bild. Was ist mit dem Artikel über mich? Wie kommt er hierher?

Das alles kann nicht nur ein dummer Zufall sein. Das Bild muss manipuliert worden sein, um mir einen Schrecken einzujagen. Mir, Kosra Borg und nicht Nadia Westhoff, für die mich hier alle halten.

Bitte keine Paranoia. Was ist bloß los mit dir, Kosra?

Oh Gott, rede ich etwa laut mit mir selbst? Vagts lässt sich nichts anmerken. Wortlos und ohne mich anzublicken, bugsiert er mich an der Rezeption vorbei in eine Art Gaststube und bittet mich, dort an der Theke zu warten. Es sieht nicht so aus, als hätte ich meine Gedanken laut ausgesprochen oder Vagts sich von Selbstgesprächen nicht weiter irritieren.

Als er gegangen ist, um seine Chefin zu holen oder die Erlaubnis zu erhalten, mich an die Unfallstelle zu fahren, bleibe ich allein in der Gaststube. Erneut wird mir bewusst, dass ich überhaupt keine Ahnung habe, wo ich hier gelandet bin.

Es bringt nichts, meine Gedanken an die offenen Fragen zu ketten. Wenn Vagts mich erst an die Unfallstelle gebracht hat, wird sich hoffentlich einiges klären und bis dahin sollte ich mir nicht den Kopf zermartern.

Ich horche und blicke mich um. So still wie es ist, scheinen keine weiteren Gäste da zu sein. Licht fällt durch große Fenster, aber sie sind geschlossen und es ist nicht weniger stickig hier als im Flur und im Treppenhaus.

Ich weiß nicht einmal, wie spät es ist. Nirgends kann ich eine Uhr entdecken und ich selber trage keine, weil ich die Anzeige auf meinem Handy nutze, doch das ist verschwunden wie alle anderen persönlichen Sachen auch.

Warum ich? Warum passiert ausgerechnet mir das?

Ich merke, wie sich meine rechte Hand verkrampft. Mir ist nicht länger schwindlig. Dennoch suche ich unwillkürlich Halt, bevor mir wieder alle klaren Gedanken abhandenkommen. Ich lockere den Griff und schaue mich um. Keine Spur von Vagts oder einer anderen Person.

Ich kann die Rezeption sehen, an der Vagts mich vorbei geschleust hat. Ich muss etwas tun, um mich aus meinem Gedankenstrudel zu befreien und schlendere zur Rezeption.

Auf dem Tresen liegen aufgefächert einige Broschüren.

«Luftkurort Totenbruck.»

Luftkurort! Ich unterdrücke ein Lachen.

Davon ist in diesem stickigen Hotel nichts zu spüren.

Dort, wo die Broschüren nicht übereinander liegen, sind sie ausgebleicht und von einer Staubschicht bedeckt. Die sind seit Urzeiten nicht bewegt worden. Dann entdecke ich das Gästebuch auf der Ablage auf der anderen Seite des Tresens. Kann ich es wagen, hinter den Tresen zu gehen und einen Blick hinein zu werfen? Aus der Wirtsstube ist nichts zu hören. Wo immer Vagts sich rumtreibt, er scheint nicht in der Nähe zu sein, ebenso wenig wie seine Chefin.

Ich gehe um den Tresen herum. Mir pocht das Herz bis zum Hals. Was tue ich hier bloß?

Klarheit gewinnen, rede ich mir ein, ohne eine Vorstellung davon zu haben, weshalb mir ausgerechnet das Gästebuch dabei helfen sollte.

Ich schlage das Buch eine Spur zu hastig auf, so dass der Einband laut auf die Unterlage klappt. Ich erstarre, Das muss im ganzen Haus zu hören gewesen sein. Ich lasse einige Sekunden reglos verstreichen. Als sich nichts rührt, blättere ich um.

Da steht es. «Nadia Westhoff, Zimmer 38». Das gestrige Datum, Mittwoch 18. September.

Ich nehme das Gästebuch genauer unter die Lupe. Für jeden Tag gibt es eine Seite. Die weiteren sind leer. Kein Hinweis auf Gäste. Erst als ich zwei, drei Wochen vorgeblättert habe, ist die Ankunft eines gewissen «Björn Blankenstein» vermerkt. Auch auf den folgenden Seiten gibt es selten mehr als drei bis fünf Einträge, an den meisten Tagen gar keine. Die Namen sagen mir nichts, bis ich auf etwas sehr Merkwürdiges stoße: einen Eintrag ungefähr vor einem Monat.

«Nadia Westhoff, Zimmer 38, GH.»

Sie ist also schon einmal hier gewesen. Dann müsste Vagst doch wissen, wie sie aussieht. Wie konnte er mich verwechseln, wenn er doch hier arbeitet? Oder war er damals noch nicht im Hotel beschäftigt. Irgendjemand wird sich doch wohl an sie erinnern und bestätigen, dass ich nicht sie bin.

Und dann wieder dieses Kürzel.GH. Erneut in einer anderen Farbe geschrieben, als Name und Zimmernummer.

Zwischen Ankunft und Abreise liegen eine ganze Woche. Was mag «GH» zu bedeuten haben? Mir sagt das Kürzel nichts. Soll das ein Namenszusatz sein? Ein ausländischer akademischer Grad? Ich habe das noch nirgends zuvor gesehen. Als ich weiterblättere, stoße ich auf andere Einträge, hinter denen sich dasselbe Kürzel findet und es gibt solche, in denen nur diese beiden Buchstaben stehen. ‹GH› sonst nichts.

Ich kann mich jetzt unmöglich damit aufhalten, eine Erklärung für die Buchstaben und Ziffern zu finden, das muss warten.

Ich bin derart vertieft in das Gästebuch, dass ich gar nicht bemerke, wie jemand hereinkommt und vor die Rezeption tritt.

«Guten Tag.»

Ich spüre, wie mir das Blut in den Kopf schießt und ich rot werde.

«Oh mein Gott,» entfährt es mir.

Anfangs reagiert der Mann nicht, sondern blickt mich nur entgeistert an, dann erwidert er:

«Nicht ganz. Mein richtiger Name ist Sebastian Kolev. Ich habe ein Zimmer reserviert.»

Der Gag ist nicht neu und auch nicht geistreich, aber ich bin noch zu erschrocken, um ihm damit Paroli zu bieten.

«Ich…», stammele ich. «Also, ich bin nicht wirklich…»

hier tätig will ich sagen, doch er lächelt mich nur an und sagt: «Oh schade, was sind Sie dann? Ein Traum?»

Wenn ich nur wüsste, wer ich bin. Ob ich ich bin? Aber dies ist weder der Ort noch die Zeit ihn über meine verwirrenden Erlebnisse aufzuklären. Ich möchte den Kreis derer, die mich für verrückt halten, nicht ohne Not erweitern.

«Ich wollte sagen, ich arbeite nicht hier. Sie verwechseln mich.» Rasch klappe ich das Gästebuch zu und komme wieder auf die andere Seite der Theke und schnappe mir eine der vergilbten Broschüren.

«Oh.» Er zieht eine Augenbraue hoch und presst die Lippen aufeinander, was in seinem jungenhaften Gesicht wirkt, als habe er Stubenarrest bekommen. Ich stehe nicht auf diese Art von Typen, aber ich muss zugeben, dass er gut aussieht. Schlank mit schmalen Hüften. Seine Schultern dürften etwas breiter sein. Trotz seines jugendlichen Aussehens ist er sicherlich nicht jünger als ich. Vermutlich Ende dreißig, Anfang vierzig. Er hat sich den schelmischen Ausdruck des Jungen, der er einst war, bewahrt, was durch seine zerzausten dunkelblonden Haare und seine gebräunte Haut betont wird. Seine Augen stehen etwas zu eng beieinander und er könnte eine Rasur vertragen – es sei denn, er hofft durch den Bartschatten männlicher zu wirken. Er trägt Jeans und ein weißes, knittriges Oberhemd.

Erst jetzt fällt mir auf, dass er mir seinen Namen genannt hat, ich ihm meinen aber nicht.

«Entschuldigung,» sage ich, «ich habe mich noch gar nicht vorgestellt, mein Name ist Kosra Borg.»

Er hebt den Kopf und mustert mich aus zusammengekniffenen Augen, ganz so, als würde er mir nicht glauben, doch dann erwidert er: «Kosra? Das ist ein ungewöhnlicher Name.»

Tja, da ist er nicht der Erste, der das bemerkt. Keine Ahnung, was meine leiblichen Eltern sich dabei gedacht haben, mir diesen Namen zu geben. Als sie starben war ich zu jung, um sie danach zu fragen. Mein Adoptivvater meinte, es wäre eine Form von Michaela, konnte mir aber nicht sagen in welcher Sprache. Mir erschien diese Erklärung zu profan und daher habe ich im Internet recherchiert. Der Name stammt aus Indien. Seitdem stelle ich mir vor, wie meine Eltern als Rucksacktouristen durch das Land zogen und den seltsamen Namen irgendwo aufschnappten.

Vielleicht sogar in der Nacht, in der sie mich zeugten, aber die Phantasie geht schon wieder mit mir durch. Eine Gabe, von der sich an diesem Ort erst erweisen muss, ob sie Fluch oder Segen ist.

«Kommt aus dem Indischen,» antworte ich.

An seinem Gesichtsausdruck erkenne ich, dass ihm eine spöttische Bemerkung auf den Lippen liegt, doch bevor er etwas erwidern kann, taucht Simon Vagts auf. Im Schlepptau hat er eine korpulente Frau mit festbetonierten, nikotinfarbenen Haaren. Ihre fahle, glänzende Gesichtsfarbe ist die fleischgewordene Entsprechung des ranzigen Fettgeruchs, der das gesamte Gebäude zu durchdringen scheint. Sie trägt einen flauschigen, schmutzig pinkfarbenen Pullover dazu schwarze Leggins.

«Hier stecken Sie also,» sagt Vagts streng. Er stemmt die Hände theatralisch in die Hüften.

«Freut mich, dass es Ihnen wieder besser geht,» sagt die Frau. Sie stellt sich nicht vor. Sollte ich sie kennen?

Sie ist Mitte, Ende Fünfzig, mit großen Säcken ungeweinter Tränen unter den Augen.

«Sie haben uns ja einen ganz schönen Schrecken eingejagt.»

Die Frau wirkt freudlos und müde, aber ihr träger Blick lässt sie gleichzeitig verschlagen erscheinen. Ich traue ihr genauso wenig, wie all den anderen Leuten, denen ich bis jetzt begegnet bin, abgesehen von Sebastian Kolev, der die Szene von der Seite gespannt beobachtet.

Die Frau leckt sich mit der Zungenspitze über die Lippen und wartet auf eine Erklärung von mir, vielleicht sogar eine Entschuldigung für all die Aufregung, die ich verursache.

Ich habe keine Lust, mein Dilemma hier zu diskutieren. Ich möchte nicht, dass Kolev mich für gestört hält. Nicht, dass ich an ihm interessiert wäre. Ganz bestimmt nicht, er ist nicht wie der Fotograf, aber trotzdem.

Ich habe so viele Fragen, die ich der Frau stellen muss. Erkennt sie mich wieder? Bin ich die Frau, die gestern angekommen ist? Erinnert sie sich an den Aufenthalt von Nadia Westhoff vor einem Monat? Was hat das Kürzel ‹GH› zu bedeuten und bin ich, die Person, die vor ihr steht, überhaupt schon einmal Gast in diesem Hotel gewesen?

Ich kann die beiden Männer nicht von der Rezeption wegdrängen, möchte meine Fragen aber auf gar keinen Fall in Gegenwart von Sebastian Kolev stellen.

Ich werde am besten Vagts damit konfrontieren, wenn wir gleich alleine in seinem Wagen sind, um zu der Unfallstelle zu fahren.

«Simon soll zu der Stelle fahren, an der er Sie gefunden hat, nicht wahr?»

Ich sehe aus den Augenwinkeln, wie Kolev sich gespannt aufrichtet und die Augenbraue hochzieht.

Ich will nicht, dass er denkt, man hätte mich hilflos und verwahrlost irgendwo aufgelesen. Aber, was soll ich tun? Ich muss hier weg und zwar sofort, bevor die Frau noch mehr unangenehme Details ausplaudert. Vagts soll mich zu der Stelle bringen. Mir dort Rede und Antwort stehen.

«Also, was ist jetzt? Kann Herr Vagts mich nun fahren?», frage ich etwas zu unfreundlich.

Die Frau deutet auf Kolev. «Sie sehen ja, was hier los ist, ich kann nicht einfach so auf einen Mitarbeiter verzichten…»

Wie soll ich reagieren? Soll ich einen versöhnlicheren Tonfall anschlagen und sagen, dass es nicht sofort sein muss, selbst wenn es mich nach Antworten drängt? Doch bevor ich etwas erwidern kann, fährt sie fort: «Soll mir recht sein. Er muss sowieso etwas holen. Da kann er Sie ja mitnehmen. Das liegt auf dem Weg.»

Vagts lässt die Arme sinken. Das ist nicht das, was er hören wollte.

«Du musst noch das Fleisch von Lührs holen, da kommst du doch an der Stelle vorbei.»

Vagts will widersprechen, doch die Frau lässt ihn nicht zu Wort kommen.

«Heute steht saures Herz auf der Karte,» sagt sie, «lass‘ den alten Bauern also nicht aus, falls er nicht genug geschlachtet hat.»

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