EINS: Der Ursprung des Blutes

Kapitel 1

Ich bin auserwählt.

Natürlich bin ich das, sonst wäre die Gemeinschaft nicht zusammengekommen, um mich zu töten. Es ist gut so. Gestern war mein letzter Geburtstag. Kein Kindergeburtstag mehr, wie noch in den Jahren zuvor. Ich bin jetzt Mitglied der Gemeinschaft und deswegen haben sie mit mir gefeiert, so wie sie jetzt mit mir meinen Tod erwarten. Mutter hat alles vorbereitet. Gestern wie heute. Sie soll stolz auf mich sein. Es kann beginnen. Sie haben mich nicht fesseln müssen, wie diese Heulsuse Tim, der schon ohnmächtig wurde, bevor sie ihn ganz ausgezogen hatten, der nur wie ein schlaffer Sack auf dem Altar lag und die Augen erst wieder aufriss, als das Messer in seine Brust getrieben wurde. Ich bin stark. Ich kann es kaum erwarten, die Reise anzutreten.

Der Altar befindet sich unter den Häusern der Siedlung. Ich habe die Welt an der Oberfläche bereits vergessen.

Dieser Teil der Höhle wird von der Gemeinschaft als oberer Saal bezeichnet. Weit unten gibt es zwei weitere Säle und der größte bildet hundert Meter unter der Oberfläche den tiefsten Punkt der Höhle, dort wo Gyamlarhotep einst auf dieser Welt erschienen ist.

Die Höhle ist wunderbar und einzigartig. Ich möchte an keinem anderen Ort der Welt sterben. Sterben? Ich sterbe nicht. Ich trete eine Reise an. Die Reise zu IHM.

Die Höhle zog mich bereits in ihren Bann, als mein Vater mir zum ersten Mal von ihr berichtete. Mein Vater. Denn das ist Asmus Troysch, mein Vater. Trotz allem.

Er las mir aus den alten Schriften vor, den Berichten des römischen Kaisersohnes und den Ermittlungsakten des Johann Kasper Piscator. Der Sonderermittler im Auftrag des Königs sollte 1764 in Totenbruck eine Häufung ungewöhnlicher Todesfälle aufklären. Ungewöhnlich? Diese Idioten. Jedenfalls wird sein Herz in einem der Gefäße aufbewahrt, die im mittleren Saal der Höhle die Eingeweide unserer Feinde verschließen.

Doch mein Herz ist auserwählt und nicht das eines Feindes. Es wird in der goldenen Kanope ruhen, die ein Mitglied der Gemeinschaft feierlich hereinträgt und dem Priester reicht.

Vater hat mir erklärt, dass als Kanopen die Vasen und Krüge bezeichnet werden, in denen die Ägypter die Eingeweide ihrer mumifizierten Leichen aufbewahrten. Es gibt unzählige Gefäße mit Hieroglyphen in den weitläufigen Seitenschächten der Höhlen. Vater sagt, dass einst ein bedeutender Pharao seinen Priester schickte, um Gyamlarhotep zu huldigen. Daher die Kanope. Sie war eines der Geschenke.

ER war schon immer da und ihm wurde zu allen Zeiten gehuldigt. Und ich werde nun an seiner Seite sein. Bald ist es soweit.

Gerne würde ich noch einmal die gesamte Pracht des Saales anschauen; die urzeitlichen Wandmalereien, den Schimmer des Katzengoldes im Gestein oder die Sarkophage der alten Priester, die die Gemeinschaft durch die Zeiten geführt haben. Überall das Bildnis Gyamlarhoteps, skizzenhaft auf den urzeitlichen Darstellungen und gewaltig in der Statue, die seit tausend Jahren den Eingang bewacht. Doch ich sehe nur die Anhänger der Gemeinschaft, die sich um mich geschart haben und meinen Blick auf den Saal verstellen. Ich wage nicht, die Zeremonie zu unterbrechen, nur um sie zu bitten, einen Augenblick zur Seite zu treten. Sie wiegen sich im Singsang beschwörender Formeln, die ich so oft selbst einstudiert habe, doch jetzt schweige ich, genieße das Ritual und warte. Sie tragen die purpurnen Kutten, die nur zu besonderen Anlässen getragen werden und ihre Augen sind auf mich gerichtet, denn ich bin auserwählt.

Ich will nicht länger an die Lügnerin denken, die es tatsächlich geschafft hat, die Gemeinschaft zu blenden. Meinen Vater zu blenden. Dabei ist sie nicht mehr als ein kleines, dummes Kind. Unfähig auch nur in Ansätzen zu begreifen, um was es hier geht. Ich muss jeden Gedanken an sie verscheuchen.

Es ist nicht schwer, denn sie ist fort. Das ist entscheidend. Das Mädchen, das die anderen viel zu lange die Auserwählte genannt haben, ist aus der Gemeinschaft verstoßen worden. Sie ist eine Lügnerin. Sie ist nicht die Auserwählte. Die Zeichen wurden falsch gedeutet. Ich bin auserwählt und das ist das Einzige, was jetzt noch zählt.

Der Priester hebt seinen Arm. Das Messer funkelt in seiner Hand. Ich bin bereit. Das Licht wird mich zu Gyamlarhotep tragen. Ein Licht, viel heller noch als der flackernde Schein der Fackeln in der Höhle.

Ein gleißendes Licht. Schon als die Klinge niederfährt, flammt es auf und im nächsten Moment sprudelt das Blut.

So hell alles. So warm.

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